Эрих Мария Ремарк. На западном фронте без перемен (germ)
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     OCR, Spellcheck: Илья Франк, http://franklang.ru (мультиязыковой проект. Ильи Франка)


     Erich Maria Remarque
     Im Westen nichts Neues

     Dieses Buch soll weder eine Anklage
     noch ein Bekenntnis sein.
     Es soll nur den Versuch machen,
     uber eine Generation zu berichten,
     die vom Kriege zersturt wurde -
     auch wenn sie seinen Granaten entkam.





     Wir  liegen  neun  Kilometer  hinter  der  Front.  Gestern  wurden  wir
abgelust; jetzt haben wir den Magen voll weißer Bohnen mit Rindfleisch
und  sind  satt  und  zufrieden.  Sogar  fur  abends  hat   jeder  noch  ein
Kochgeschirr voll fassen kunnen; dazu gibt es außerdem doppelte Wurst-
und Brotportionen  - das  schafft.  So ein  Fall ist schon  lange nicht mehr
dagewesen:  der  Kuchenbulle  mit seinem roten Tomatenkopf bietet  das Essen
direkt  an; jedem, der  vorbeikommt, winkt er mit seinem Luffel zu und fullt
ihm  einen kruftigen Schlag ein.  Er ist  ganz verzweifelt,  weil  er  nicht
weiß, wie er seine Gulaschkanone leer  kriegen soll. Tjaden und Muller
haben  ein paar Waschschusseln  aufgetrieben  und  sie  sich  bis  zum  Rand
gestrichen  voll   geben  lassen,   als   Reserve.  Tjaden  macht  das   aus
Freßsucht, Muller aus Vorsicht. Wo Tjaden es lußt, ist allen ein
Rutsel. Er ist und bleibt ein magerer Hering.
     Das Wichtigste  aber  ist, daß  es auch  doppelte  Rauchportionen
gegeben hat. Fur  jeden zehn  Zigarren,  zwanzig  Zigaretten und  zwei Stuck
Kautabak, das ist sehr  anstundig. Ich habe  meinen Kautabak  mit Katczinsky
gegen seine  Zigaretten getauscht,  das macht  fur mich vierzig  Zigaretten.
Damit langt man schon einen Tag.
     Dabei steht uns diese ganze Bescherung eigentlich nicht zu. So splendid
sind die Preußen nicht. Wir haben sie nur einem Irrtum zu verdanken.
     Vor  vierzehn Tagen mußten  wir  nach vorn, um  abzulusen. Es war
ziemlich ruhig in unserm Abschnitt, und der Furier hatte deshalb fur den Tag
unserer  Ruckkehr  das  normale Quantum  Lebensmittel erhalten und  fur  die
hundertfunfzig Mann starke Kompanie vorgesorgt.  Nun  aber  gab es gerade am
letzten Tage bei uns uberraschend viel Langrohr und dicke Brocken, englische
Artillerie,  die  stundig  auf  unsere Stellung trommelte, so daß  wir
starke Verluste hatten und nur mit achtzig Mann zuruckkamen.
     Wir waren nachts eingeruckt und hatten uns gleich hingehauen,  um  erst
einmal anstundig zu schlafen; denn Katczinsky hat recht: es wure alles nicht
so schlimm mit dem Krieg, wenn man nur mehr Schlaf haben wurde. Vorne ist es
doch nie etwas damit, und vierzehn Tage jedes mal sind eine lange Zeit.
     Es war schon  Mittag, als die ersten von uns aus den  Baracken krochen.
Eine halbe Stunde  sputer  hatte jeder  sein Kochgeschirr gegriffen, und wir
versammelten uns  vor der Gulaschmarie, die fettig und nahrhaft roch. An der
Spitze naturlich die  Hungrigsten: der kleine  Albert Kropp,  der von uns am
klarsten denkt und  deshalb  erst  Gefreiter  ist;  -  Muller  V,  der  noch
Schulbucher mit sich herumschleppt und vom Notexamen truumt; im Trommelfeuer
buffelt er  physikalische  Lehrsutze; - Leer, der einen Vollbart  trugt  und
große Vorliebe  fur Mudchen  aus den Offizierspuffs  hat;  er  schwurt
darauf, daß sie  durch Armeebefehl verpflichtet wuren, seidene  Hemden
zu tragen  und bei Gusten vom Hauptmann aufwurts vorher zu baden; - und  als
vierter  ich,  Paul Buumer. Alle  vier neunzehn Jahre  alt,  alle  vier  aus
derselben Klasse in den Krieg gegangen.
     Dicht hinter uns unsere  Freunde. Tjaden, ein magerer Schlosser, so alt
wie wir, der grußte Fresser der  Kompanie. Er  setzt  sich schlank zum
Essen  hin  und  steht dick  wie eine  schwangere Wanze wieder auf;  -  Haie
Westhus,  gleich alt, Torfstecher,  der bequem ein  Kommißbrot in eine
Hand  nehmen  und  fragen kann:  Ratet mal, was ich  in der  Faust  habe;  -
Detering, ein Bauer, der nur an seinen  Hof  und an  seine Frau denkt; - und
endlich  Stanislaus  Katczinsky,  das  Haupt  unserer  Gruppe, zuh,  schlau,
gerissen, vierzig Jahre alt, mit einem Gesicht  aus  Erde, mit blauen Augen,
hungenden  Schultern und einer wunderbaren  Witterung fur dicke Luft,  gutes
Essen und schune Druckposten. Unsere Gruppe bildete die  Spitze der Schlange
vor   der  Gulaschkanone.  Wir  wurden  ungeduldig,   denn  der  ahnungslose
Kuchenkarl stand noch immer  und wartete.  Endlich  rief Katczinsky  ihm zu:
"Nun  mach  deinen  Bouillonkeller  schon  auf, Heinrich!  Man  sieht  doch,
daß die Bohnen gar sind."
     Der schuttelte schlufrig den Kopf: "Erst mußt ihr alle da sein."
     Tjaden grinste: "Wir sind alle da."
     Der Unteroffizier merkte  noch nichts.  "Das kunnte euch so  passen! Wo
sind denn die andern?"
     "Die   werden  heute   nicht   von  dir   verpflegt!  Feldlazarett  und
Massengrab."
     Der Kuchenbulle war erschlagen, als er die Tatsachen erfuhr. Er wankte.
     "Und ich habe fur hundertfunfzig Mann gekocht."
     Kropp stieß ihm in die Rippen. "Dann werden wir endlich mal satt.
Los, fang an!"
     Plutzlich  aber  durchfuhr   Tjaden  eine   Erleuchtung.  Sein  spitzes
Mausegesicht  fing ordentlich an  zu  schimmern, die Augen wurden klein  vor
Schlauheit, die Backen  zuckten, und er trat dichter  heran: "Menschenskind,
dann hast  du ja auch  fur  hundertfunfzig  Mann  Brot  empfangen, was?" Der
Unteroffizier  nickte verdattert und  geistesabwesend.  Tjaden packte ihn am
Rock. "Und Wurst auch?"
     Der Tomatenkopf nickte wieder.
     Tjadens Kiefer bebten. "Tabak auch?"
     "Ja, alles."
     Tjaden  sah  sich strahlend  um.  "Donnerwetter, das nennt  man Schwein
haben! Das  ist dann  ja  alles fur  uns! Da kriegt  jeder ja - wartet mal -
tatsuchlich, genau doppelte Portionen!"
     Jetzt aber erwachte die Tomate wieder zum Leben und erklurte: "Das geht
nicht."
     Doch nun wurden auch wir munter und schoben uns heran.
     "Warum geht das denn nicht, du Mohrrube?" fragte Katczinsky.
     "Was fur hundertfunfzig Mann ist, kann doch nicht fur achtzig sein."
     "Das werden wir dir schon zeigen", knurrte Muller.
     "Das  Essen meinetwegen, aber  Portionen kann ich  nur fur achtzig Mann
ausgeben", beharrte die Tomate.
     Katczinsky wurde  urgerlich. "Du mußt  wohl mal  abgelust werden,
was? Du  hast  nicht  fur achtzig Mann, sondern fur die  2. Kompanie  Furage
empfangen, fertig. Die gibst du aus! Die 2. Kompanie sind wir."
     Wir ruckten dem Kerl auf den Leib. Keiner konnte ihn gut leiden, er war
schon ein paarmal schuld daran  gewesen, daß  wir im Graben das  Essen
viel  zu  sput und kalt bekommen hatten, weil er sich  bei etwas Granatfeuer
mit  seinem  Kessel  nicht  nahe  genug  herantraute,  so  daß  unsere
Essenholer einen viel  weiteren Weg machen mußten als  die  der andern
Kompanien.  Da war  Bulcke von  der ersten ein besserer Bursche. Er war zwar
fett wie  ein Winterhamster, aber er  schleppte, wenn es  darauf ankam,  die
Tupfe selbst bis zur vordersten Linie.
     Wir  waren  gerade  in  der  richtigen Stimmung,  und es hutte bestimmt
Kleinholz gegeben,  wenn  nicht unser  Kompaniefuhrer aufgetaucht  wure.  Er
erkundigte  sich nach dem Streitfall und sagte vorluufig nur: "Ja, wir haben
gestern starke Verluste gehabt -"
     Dann guckte er in den Kessel. "Die Bohnen scheinen gut zu sein."
     Die Tomate nickte. "Mit Fett und Fleisch gekocht."
     Der Leutnant sah uns an.  Er  wußte, was wir dachten.  Auch sonst
wußte er noch manches, denn  er war zwischen uns  groß  geworden
und  als Unteroffizier zur Kompanie gekommen. Er hob den  Deckel noch einmal
vom Kessel  und schnupperte. Im  Weggehen sagte er: "Bringt  mir auch  einen
Teller  voll.  Und  die  Portionen  werden  alle  verteilt.  Wir  kunnen sie
brauchen."
     Die Tomate machte ein dummes Gesicht. Tjaden tanzte um sie herum.
     "Das schadet dir gar nichts! Als ob ihm das  Proviantamt gehurt, so tut
er. Und nun fang an, du alter Speckjuger, und verzuhle dich nicht -"
     "Hung  dich auf!"  fauchte die  Tomate. Sie war geplatzt, so etwas ging
ihr gegen den Verstand. Sie begriff die Welt nicht mehr. Und als  wollte sie
zeigen,  daß  nun  schon  alles  egal  sei,  verteilte  sie  pro  Kopf
freiwillig noch ein halbes Pfund Kunsthonig.

     Der Tag  ist wirklich  gut heute. Sogar Post ist da, fast jeder hat ein
paar  Briefe  und  Zeitungen.  Nun schlendern  wir zu der Wiese  hinter  den
Baracken  hinuber. Kropp hat den runden Deckel eines  Margarinefasses unterm
Arm.
     Am rechten  Rande der Wiese ist  eine große Massenlatrine erbaut,
ein uberdachtes,  stabiles Gebuude. Doch das ist was fur Rekruten, die  noch
nicht  gelernt haben, aus  jeder Sache  Vorteil zu ziehen.  Wir suchen etwas
Besseres.  uberall  verstreut stehen  numlich noch  kleine Einzelkusten  fur
denselben  Zweck.  Sie sind viereckig,  sauber,  ganz aus  Holz getischlert,
rundum  geschlossen,   mit   einem   tadellosen,  bequemen  Sitz.   An   den
Seitenfluchen befinden sich Handgriffe, so daß  man sie transportieren
kann.
     Wir rucken drei im Kreise zusammen und nehmen gemutlich Platz. Vor zwei
Stunden werden wir hier nicht wieder aufstehen.
     Ich weiß  noch, wie wir uns anfangs genierten als Rekruten in der
Kaserne, wenn wir die Gemeinschaftslatrine benutzen mußten. Turen gibt
es da nicht, es sitzen zwanzig Mann nebeneinander  wie in der Eisenbahn. Sie
sind mit einem Blick zu  ubersehen; -  der  Soldat soll  eben  stundig unter
Aufsicht sein.
     Wir  haben  inzwischen  mehr  gelernt, als  das bißchen Scham  zu
uberwinden. Mit der Zeit wurde uns noch ganz anderes geluufig.
     Hier  draußen ist die Sache  aber geradezu ein  Genuß.  Ich
weiß nicht  mehr,  weshalb wir fruher  an  diesen  Dingen immer  scheu
vorbeigehen  mußten, sie  sind  ja  ebenso  naturlich  wie  Essen  und
Trinken.  Und man brauchte  sich vielleicht auch nicht besonders  daruber zu
uußern, wenn sie nicht so eine wesentliche  Rolle bei uns spielten und
gerade   uns   neu   gewesen  wuren  -  den   ubrigen   waren   sie   lungst
selbstverstundlich.
     Dem Soldaten ist sein Magen und seine Verdauung ein vertrauteres Gebiet
als jedem anderen  Menschen.  Drei  Viertel  seines  Wortschatzes  sind  ihm
entnommen, und sowohl der  Ausdruck huchster Freude als  auch  der  tiefster
Entrustung findet hier seine kernige Untermalung. Es ist unmuglich, sich auf
eine andere  Art so  knapp  und  klar  zu  uußern. Unsere Familien und
unsere Lehrer werden sich schun wundern, wenn wir nach Hause kommen, aber es
ist hier nun einmal die Universalsprache.
     Fur  uns  haben  diese  ganzen  Vorgunge  den  Charakter  der  Unschuld
wiedererhalten durch ihre zwangsmußige  uffentlichkeit. Mehr noch: sie
sind uns so selbstverstundlich, daß ihre gemutliche
     Erledigung   ebenso   gewertet   wird   wie   meinetwegen   ein   schun
durchgefuhrter,  bombensicherer  Grand  ohne  viere. Nicht umsonst  ist  fur
Geschwutz aller Art  das  Wort  "Latrinenparole" entstanden; diese Orte sind
die Klatschecken und der Stammtischersatz beim Kommiß.
     Wir  fuhlen  uns  augenblicklich  wohler  als  im  noch  so  weiß
gekachelten Luxuslokus. Dort kann es  nur hygienisch sein;  hier aber ist es
schun.
     Es  sind  wunderbar  gedankenlose Stunden.  uber uns  steht  der  blaue
Himmel.  Am  Horizont hungen  hellbestrahlte  gelbe  Fesselballons  und  die
weißen Wulkchen  der  Flakgeschosse. Manchmal schnellen sie  wie  eine
Garbe hoch, wenn sie einen Flieger verfolgen.
     Nur wie  ein  sehr fernes Gewitter  huren wir das gedumpfte Brummen der
Front. Hummeln, die vorubersummen, ubertunen es schon.
     Und rund um  uns liegt die bluhende Wiese. Die zarten Rispen der Gruser
wiegen sich, Kohlweißlinge  taumeln heran,  sie schweben  im  weichen,
warmen Wind des Sputsommers, wir lesen Briefe und Zeitungen und rauchen, wir
setzen  die Mutzen ab und  legen  sie neben uns, der Wind spielt mit unseren
Haaren, er spielt mit unseren Worten und Gedanken.
     Die drei Kusten stehen mitten im leuchtenden, roten Klatschmohn. -
     Wir legen den Deckel des Margarinefasses auf unsere Knie.  So haben wir
eine  gute  Unterlage zum Skatspielen. Kropp hat die Karten  bei sich.  Nach
jedem Nullouvert  wird eine Partie Schieberamsch eingelegt. Man kunnte  ewig
so sitzen.
     Die Tune  einer Ziehharmonika klingen von  den Baracken  her.  Manchmal
legen wir die  Karten hin und sehen uns an. Einer sagt dann: "Kinder, Kinder
-",  oder:  "Das  hutte  schiefgehen kunnen  -",  und  wir  versinken  einen
Augenblick in  Schweigen. In uns  ist ein starkes, verhaltenes Gefuhl, jeder
spurt  es,  das  braucht  nicht  viele Worte.  Leicht hutte es  sein kunnen,
daß  wir heute  nicht auf unsern Kusten  sußen, es war  verdammt
nahe daran. Und darum ist alles neu  und stark -  der rote Mohn und das gute
Essen, die Zigaretten und der Sommerwind.
     Kropp fragt: "Hat einer von euch Kemmerich noch mal gesehen?"
     "Er liegt in St. Joseph", sage ich.
     Muller meint, er habe einen  Oberschenkeldurchschuß,  einen guten
Heimatpaß.
     Wir beschließen, ihn nachmittags zu besuchen.
     Kropp  holt  einen  Brief  hervor.  "Ich  soll  euch  grußen  von
Kantorek."
     Wir lachen. Muller wirft seine Zigarette weg und sagt: "Ich wollte, der
wure hier."

     Kantorek  war unser Klassenlehrer, ein strenger, kleiner Mann in grauem
Schoßrock,  mit  einem  Spitzmausgesicht. Er  hatte ungefuhr  dieselbe
Statur   wie   der  Unteroffizier  Himmelstoß,   der  "Schrecken   des
Klosterberges".  Es ist ubrigens komisch,  daß das Ungluck der Welt so
oft   von   kleinen  Leuten   herruhrt,  sie  sind  viel   energischer   und
unvertruglicher  als  großgewachsene.  Ich habe mich stets gehutet, in
Abteilungen  mit  kleinen  Kompaniefuhrern  zu  geraten;  es  sind  meistens
verfluchte Schinder.
     Kantorek hielt uns in den  Turnstunden  so  lange  Vortruge, bis unsere
Klasse unter seiner Fuhrung  geschlossen  zum Bezirkskommando  zog und  sich
meldete. Ich  sehe ihn noch  vor  mir, wie er uns durch seine  Brillengluser
anfunkelte  und  mit  ergriffener  Stimme  fragte:   "Ihr   geht  doch  mit,
Kameraden?"
     Diese Erzieher haben ihr Gefuhl  so oft in der Westentasche parat;  sie
geben es ja  auch stundenweise aus. Doch daruber machten wir uns damals noch
keine Gedanken.
     Einer  von uns allerdings  zugerte und wollte nicht recht mit.  Das war
Josef Behm, ein dicker, gemutlicher  Bursche. Er  ließ  sich dann aber
uberreden, er hutte sich  auch  sonst unmuglich gemacht. Vielleicht  dachten
noch mehrere so wie er; aber es konnte  sich niemand gut ausschließen,
denn mit dem Wort "feige"  waren  um  diese Zeit sogar Eltern rasch bei  der
Hand.  Die  Menschen  hatten  eben alle keine  Ahnung von  dem, was kam.  Am
vernunftigsten waren eigentlich die armen  und  einfachen Leute; sie hielten
den Krieg  gleich fur ein Ungluck,  wuhrend die bessergestellten  vor Freude
nicht aus  noch ein  wußten, obschon gerade sie sich  uber die  Folgen
viel eher hutten klarwerden kunnen.
     Katczinsky behauptet, das kume von der Bildung, sie mache dumlich.  Und
was Kat sagt, das hat er sich uberlegt.
     Sonderbarerweise war Behm einer der ersten,  die fielen. Er erhielt bei
einem Sturm einen Schuß in die Augen, und wir ließen ihn fur tot
liegen.  Mitnehmen  konnten  wir  ihn  nicht,  weil  wir  ubersturzt  zuruck
mußten. Nachmittags  hurten wir  ihn  plutzlich rufen  und  sahen  ihn
draußen  herumkriechen.  Er war  nur bewußtlos gewesen.  Weil er
nichts  sah  und  wild vor  Schmerzen war, nutzte  er keine Deckung  aus, so
daß er von druben abgeschossen wurde,  ehe jemand herankam, um ihn  zu
holen.
     Man  kann Kantorek naturlich nicht damit in  Zusammenhang bringen; - wo
bliebe  die Welt sonst, wenn man das  schon Schuld nennen wollte. Es  gab ja
Tausende  von Kantoreks, die alle uberzeugt waren, auf eine fur sie  bequeme
Weise das Beste zu tun.
     Darin liegt aber gerade fur uns ihr Bankerott.
     Sie  sollten uns Achtzehnjuhrigen  Vermittler und  Fuhrer zur  Welt des
Erwachsenseins werden, zur Welt der Arbeit, der Pflicht, der  Kultur und des
Fortschritts, zur Zukunft. Wir verspotteten sie  manchmal und spielten ihnen
Meine  Streiche, aber im Grunde  glaubten  wir  ihnen.  Mit  dem Begriff der
Autoritut,  dessen  Truger  sie  waren,  verband  sich  m  unseren  Gedanken
grußere Einsicht und  menschlicheres Wissen.  Doch der erste Tote, den
wir  sahen,  zertrummerte  diese  uberzeugung.  Wir  mußten  erkennen,
daß unser Alter ehrlicher war als das ihre; sie hatten vor uns nur die
Phrase  und die Geschicklichkeit voraus. Das  erste Trommelfeuer  zeigte uns
unseren Irrtum, und unter  ihm sturzte  die Weltanschauung zusammen, die sie
uns gelehrt hatten.
     Wuhrend  sie  noch  schrieben  und  redeten,  sahen  wir  Lazarette und
Sterbende;  -  wuhrend  sie  den  Dienst  am  Staate  als  das  Grußte
bezeichneten,  wußten  wir  bereits,  daß die Todesangst sturker
ist.  Wir wurden darum keine Meuterer,  keine Deserteure, keine  Feiglinge -
alle diese Ausdrucke waren ihnen ja so leicht zur Hand -, wir liebten unsere
Heimat genauso wie sie, und wir  gingen bei  jedem Angriff mutig vor; - aber
wir unterschieden jetzt, wir hatten mit einem Male sehen  gelernt.  Und  wir
sahen, daß nichts von ihrer Welt ubrig blieb. Wir waren plutzlich  auf
furchtbare Weise allein; - und wir mußten allein damit fertig werden.

     Bevor wir zu Kemmerich aufbrechen, packen wir seine Sachen ein; er wird
sie unterwegs gut brauchen kunnen.
     Im Feldlazarett  ist  großer  Betrieb; es riecht wie  immer  nach
Karbol, Eiter und Schweiß. Man ist  aus  den Baracken manches gewohnt,
aber hier kann einem doch flau  werden. Wir fragen uns nach Kemmerich durch;
er liegt in  einem Saal und empfungt uns  mit einem  schwachen Ausdruck  von
Freude und hilfloser Aufregung.  Wuhrend er bewußtlos war, hat man ihm
seine Uhr gestohlen.
     Muller schuttelt den Kopf: "Ich habe dir ja immer gesagt, daß man
eine so gute Uhr nicht mitnimmt."
     Muller ist  etwas  tapsig und  rechthaberisch. Sonst  wurde er den Mund
halten, denn jeder  sieht, daß  Kemmerich nicht mehr  aus diesem  Saal
herauskommt.  Ob  er  seine  Uhr  wiederfindet, ist  ganz  egal,  huchstens,
daß man sie nach Hause schicken kunnte.
     "Wie geht's denn, Franz?" fragt Kropp.
     Kemmerich lußt den Kopf sinken. "Es geht ja - ich habe bloß
so verfluchte Schmerzen im Fuß."
     Wir sehen auf seine Decke. Sein Bein  liegt  unter einem Drahtkorb, das
Deckbett  wulbt  sich dick daruber.  Ich trete Muller gegen  das Schienbein,
denn  er  bruchte  es  fertig, Kemmerich  zu  sagen,  was  uns die Sanituter
draußen schon erzuhlt haben: daß Kemmerich keinen Fuß mehr
hat. Das Bein ist amputiert.
     Er sieht schrecklich  aus,  gelb und fahl,  im Gesicht sind  schon  die
fremden  Linien,  die wir so  genau  kennen,  weil wir sie schon  hundertmal
gesehen haben. Es sind eigentlich keine  Linien, es sind mehr Zeichen. Unter
der Haut pulsiert kein Leben mehr; es ist bereits herausgedrungt  bis an den
Rand  des  Kurpers,  von  innen  arbeitet  sich  der  Tod durch,  die  Augen
beherrscht er schon.  Dort liegt unser  Kamerad Kemmerich,  der mit uns  vor
kurzem noch Pferdefleisch gebraten und im Trichter gehockt hat; - er  ist es
noch,  und er ist  es doch nicht mehr, verwaschen, unbestimmt ist sein  Bild
geworden,  wie  eine fotografische  Platte, auf der  zwei Aufnahmen  gemacht
worden sind. Selbst seine Stimme klingt wie Asche.
     Ich  denke daran,  wie wir damals abfuhren.  Seine  Mutter, eine  gute,
dicke Frau, brachte ihn zum Bahnhof. Sie weinte  ununterbrochen, ihr Gesicht
war davon  gedunsen und geschwollen. Kemmerich genierte sich  deswegen, denn
sie war am  wenigsten gefaßt von allen, sie  zerfloß furmlich in
Fett und Wasser. Dabei hatte sie es auf mich abgesehen, immer wieder ergriff
sie meinen Arm  und  flehte mich an, auf Franz draußen achtzugeben. Er
hatte allerdings  auch  ein  Gesicht wie  ein Kind  und so  weiche  Knochen,
daß er nach vier  Wochen Tornistertragen  schon Plattfuße bekam.
Aber wie kann man im Felde auf jemand achtgeben!
     "Du wirst ja nun nach Hause kommen", sagt Kropp, "auf Urlaub huttest du
mindestens noch drei, vier Monate warten mussen."
     Kemmerich nickt. Ich  kann seine Hunde nicht gut ansehen, sie sind  wie
Wachs. Unter den  Nugeln sitzt der Schmutz des Grabens, er sieht blauschwarz
aus  wie Gift.  Mir fullt ein,  daß  diese Nugel weiterwachsen werden,
lange  noch,  gespenstische Kellergewuchse, wenn Kemmerich lungst nicht mehr
atmet. Ich sehe das  Bild vor  mir: sie krummen  sich  zu  Korkenziehern und
wachsen und wachsen,  und mit  ihnen die Haare auf dem zerfallenden Schudel,
wie Gras auf gutem Boden, genau wie Gras, wie ist das nur muglich -?
     Muller buckt sich. "Wir haben deine Sachen mitgebracht, Franz."
     Kemmerich zeigt mit der Hand. "Legt sie unters Bett."
     Muller tut es. Kemmerich fungt wieder von der  Uhr an. Wie soll man ihn
nur beruhigen, ohne ihn mißtrauisch zu machen!
     Muller  taucht  mit einem  Paar  Fliegerstiefel  wieder  auf.  Es  sind
herrliche  englische Schuhe  aus weichem,  gelbem Leder, die  bis  zum  Knie
reichen  und ganz hinauf geschnurt  werden, eine begehrte Sache. Muller  ist
von ihrem  Anblick  begeistert,  er hult  ihre Sohlen  gegen  seine  eigenen
klobigen Schuhe und fragt: "Willst du denn die Stiefel mitnehmen, Franz?"
     Wir denken alle  drei das  gleiche: selbst wenn er gesund wurde, kunnte
er nur  einen gebrauchen, sie wuren fur ihn also wertlos. Aber wie  es jetzt
steht,  ist es ein Jammer, daß sie  hierbleiben;  - denn die Sanituter
werden sie naturlich sofort wegschnappen, wenn er tot ist.
     Muller wiederholt: "Willst du sie nicht hier lassen?"
     Kemmerich will nicht. Es sind seine besten Stucke.
     "Wir  kunnen sie  ja  umtauschen",  schlugt Muller  wieder  vor,  "hier
draußen kann man so was brauchen."
     Doch Kemmerich ist nicht zu bewegen.
     Ich trete Muller auf den Fuß; er legt die schunen Stiefel zugernd
wieder unter das Bett.
     Wir reden noch einiges und verabschieden uns dann. "Mach's gut, Franz."
     Ich  verspreche  ihm,  morgen wiederzukommen.  Muller  redet  ebenfalls
davon; er denkt an die Schnurschuhe und will deshalb auf dem Posten sein.
     Kemmerich  stuhnt.  Er  hat  Fieber.  Wir  halten  draußen  einen
Sanituter an und reden ihm zu, Kemmerich eine Spritze zu geben.
     Er lehnt ab. "Wenn wir jedem Morphium geben  wollten,  mußten wir
Fusser voll haben -"
     "Du bedienst wohl nur Offiziere", sagt Kropp gehussig.
     Rasch lege ich mich ins Mittel und gebe dem Sanituter zunuchst mal eine
Zigarette. Er  nimmt sie.  Dann  frage ich:  "Darfst du denn  uberhaupt eine
machen?"
     Er ist beleidigt. "Wenn ihr's nicht glaubt, was fragt ihr mich -"
     Ich  drucke  ihm  noch  ein  paar Zigaretten  in die Hand.  "Tu uns den
Gefallen -"
     "Na, schun",  sagt er. Kropp geht mit  hinein, er  traut ihm  nicht und
will zusehen. Wir warten draußen.
     Muller fungt  wieder  von  den Stiefeln an." Sie  wurden  mir  tadellos
passen. In  diesen Kuhnen  laufe ich  mir Blasen  uber Blasen.  Glaubst  du,
daß  er durchhult  bis morgen nach dem Dienst?  Wenn er nachts abgeht,
haben wir die Stiefel gesehen -"
     Albert kommt zuruck. "Meint ihr -?" fragt er.
     "Erledigt", sagt Muller abschließend.
     Wir  gehen zu unsern Baracken zuruck. Ich denke  an den  Brief, den ich
morgen  schreiben  muß  an Kemmerichs Mutter. Mich friert.  Ich muchte
einen Schnaps trinken. Muller rupft  Gruser aus  und kaut  daran.  Plutzlich
wirft  der  kleine Kropp seine  Zigarette weg, trampelt  wild  darauf herum,
sieht sich um, mit  einem aufgelusten und versturten Gesicht, und  stammelt:
"Verfluchte Scheiße, diese verfluchte Scheiße."
     Wir gehen  weiter, eine lange Zeit. Kropp hat sich beruhigt, wir kennen
das, es ist der  Frontkoller, jeder hat  ihn mal. Muller fragt ihn: "Was hat
dir der Kantorek eigentlich geschrieben?"
     Er lacht: "Wir wuren die eiserne Jugend."
     Wir lachen  alle drei urgerlich. Kropp schimpft; er ist froh, daß
er reden kann. -
     Ja, so denken sie, so denken sie, die hunderttausend Kantoreks! Eiserne
Jugend.  Jugend! Wir sind alle  nicht  mehr  als zwanzig  Jahre. Aber  jung?
Jugend? Das ist lange her. Wir sind alte Leute.



     Es ist fur mich sonderbar,  daran  zu  denken,  daß zu  Hause, in
einer Schreibtischlade,  ein  angefangenes Drama "Saul"  und ein  Stoß
Gedichte liegen. Manchen Abend habe ich daruber verbracht, wir haben ja fast
alle  so etwas  uhnliches gemacht;  aber  es ist mir so unwirklich geworden,
daß ich es mir nicht mehr richtig vorstellen kann.
     Seit  wir  hier  sind, ist  unser  fruheres  Leben abgeschnitten,  ohne
daß  wir  etwas  dazu  getan  haben.  Wir  versuchen  manchmal,  einen
uberblick und  eine Erklurung  dafur zu gewinnen, doch  es gelingt uns nicht
recht. Gerade fur uns  Zwanzigjuhrige ist alles besonders unklar, fur Kropp,
Muller, Leer, mich, fur uns, die Kantorek als eiserne Jugend bezeichnet. Die
ulteren Leute sind alle  fest mit  dem Fruheren verbunden, sie  haben Grund,
sie  haben  Frauen, Kinder,  Berufe und Interessen, die schon so stark sind,
daß der Krieg sie nicht zerreißen kann. Wir Zwanzigjuhrigen aber
haben nur unsere Eltern und manche ein Mudchen. Das ist nicht viel - denn in
unserm  Alter ist die Kraft der Eltern am  schwuchsten, und die Mudchen sind
noch nicht beherrschend. Außer diesem  gab es ja  bei uns  nicht  viel
anderes  mehr;  etwas  Schwurmertum,  einige Liebhabereien  und die  Schule;
weiter reichte unser Leben noch nicht. Und davon ist nichts geblieben.
     Kantorek  wurde sagen,  wir  hutten gerade an  der Schwelle des Daseins
gestanden. So uhnlich ist es  auch. Wir  waren noch nicht eingewurzelt.  Der
Krieg hat  uns  weggeschwemmt.  Fur  die andern,  die ulteren,  ist  er eine
Unterbrechung, sie  kunnen  uber ihn  hinausdenken.  Wir aber  sind  von ihm
ergriffen worden und wissen  nicht,  wie das enden soll. Was wir wissen, ist
vorluufig  nur,  daß wir  auf eine sonderbare und  schwermutige  Weise
verroht sind, obschon wir nicht einmal oft mehr traurig werden.
     Wenn Muller gern Kemmerichs Stiefel haben will, so ist er deshalb nicht
weniger teilnahmsvoll als  jemand,  der vor  Schmerz nicht  daran  zu denken
wagte. Er  weiß  nur  zu unterscheiden. Wurden  die  Stiefel Kemmerich
etwas nutzen, dann  liefe Muller lieber barfuß  uber Stacheldraht, als
groß zu uberlegen, wie er sie bekommt. So aber sind die Stiefel etwas,
das gar  nichts mit Kemmerichs Zustand zu  tun  hat, wuhrend Muller sie  gut
verwenden kann. Kemmerich wird sterben, einerlei, wer sie erhult. Warum soll
deshalb Muller nicht dahinter her sein, er hat doch mehr Anrecht  darauf als
ein  Sanituter!  Wenn Kemmerich  erst tot  ist,  ist  es  zu  sput.  Deshalb
paßt Muller eben jetzt schon auf.
     Wir  haben  den  Sinn  fur  andere  Zusammenhunge  verloren,  weil  sie
kunstlich sind. Nur die Tatsachen sind richtig und wichtig fur uns. Und gute
Stiefel sind selten.

     Fruher  war auch  das anders. Als wir zum Bezirkskommando gingen, waren
wir  noch  eine  Klasse von zwanzig jungen Menschen,  die  sich,  manche zum
ersten  Male,  ubermutig  gemeinsam  rasieren  ließ,  bevor  sie   den
Kasernenhof betrat.  Wir hatten keine festen Plune fur die Zukunft, Gedanken
an Karriere und Beruf waren bei den wenigsten praktisch bereits so bestimmt,
daß sie eine Daseinsform bedeuten konnten; - dafur jedoch steckten wir
voll Ungewisser Ideen, die dem  Leben und  auch dem Kriege in  unseren Augen
einen idealisierten und fast romantischen Charakter verliehen.
     Wir wurden  zehn  Wochen  militurisch ausgebildet  und  in  dieser Zeit
entscheidender  umgestaltet als  in  zehn  Jahren  Schulzeit.  Wir  lernten,
daß ein  geputzter Knopf  wichtiger ist  als vier Bunde  Schopenhauer.
Zuerst erstaunt, dann erbittert und schließlich gleichgultig erkannten
wir, daß nicht  der Geist ausschlaggebend zu sein  schien, sondern die
Wichsburste,  nicht  der Gedanke,  sondern das  System, nicht die  Freiheit,
sondern  der Drill.  Mit Begeisterung  und gutem Willen  waren wir  Soldaten
geworden; aber man tat alles, um uns das auszutreiben. Nach drei Wochen  war
es uns nicht mehr unfaßlich, daß ein betreßter Brieftruger
mehr Macht uber uns besaß als fruher unsere Eltern, unsere Erzieherund
sumtliche  Kulturkreise  von Plato bis Goethe zusammen. Mit  unseren jungen,
wachen  Augen  sahen wir, daß der klassische Vaterlandsbegriff unserer
Lehrer sich hier vorluufig realisierte zu einem Aufgeben der Persunlichkeit,
wie  man  es   dem  geringsten   Dienstboten  nie  zugemutet   haben  wurde.
Grußen,  Strammstehen,  Parademarsch,  Gewehrprusentieren,   Rechtsum,
Linksum,  Hackenzusammenschlagen,  Schimpfereien und  tausend Schikanen: wir
hatten  uns unsere Aufgabe anders gedacht  und fanden, daß wir auf das
Heldentum wie Zirkuspferde vorbereitet wurden.  Aber wir  gewuhnten uns bald
daran. Wir begriffen sogar, daß  ein Teil dieser Dinge  notwendig, ein
anderer aber ebenso uberflussig war. Der Soldat hat dafur eine feine Nase.

     Zu  dreien und  vieren  wurde unsere  Klasse  uber die Korporalschaften
verstreut,   zusammen  mit   friesischen  Fischern,  Bauern,  Arbeitern  und
Handwerkern,  mit   denen  wir  uns  schnell  anfreundeten.  Kropp,  Muller,
Kemmerich und  ich  kamen zur  neunten Korporalschaft, die der Unteroffizier
Himmelstoß fuhrte.
     Er galt als  der schurfste Schinder des Kasernenhofes, und das war sein
Stolz. Ein kleiner,  untersetzter  Kerl,  der zwulf Jahre gedient hatte, mit
fuchsigem, aufgewirbeltem Schnurrbart, im Zivilberuf Brieftruger. Auf Kropp,
Tjaden,  Westhus  und mich hatte er es  besonders abgesehen,  weil er unsern
stillen Trotz spurte.
     Ich  habe an  einem Morgen vierzehnmal sein  Bett gebaut. Immer  wieder
fand  er etwas  daran  auszusetzen und  riß es herunter.  Ich habe  in
zwanzigstundiger Arbeit - mit Pausen naturlich - ein Paar uralte, steinharte
Stiefel so  butterweich geschmiert, daß selbst Himmelstoß nichts
mehr  daran  auszusetzen  fand;  -  ich  habe  auf  seinen  Befehl mit einer
Zahnburste die Korporalschaftsstube sauber geschrubbt; - Kropp und ich haben
uns  mit einer Handburste  und  einem  Fegeblech an den Auftrag gemacht, den
Kasernenhof  vom Schnee reinzufegen,  und  wir hutten  durchgehalten bis zum
Erfrieren,  wenn  nicht  zufullig  ein  Leutnant aufgetaucht  wure, der  uns
fortschickte und Himmelstoß  muchtig anschnauzte. Die Folge war leider
nur, daß Himmelstoß um so wutender auf uns wurde. Ich habe  vier
Wochen  hintereinander  jeden  Sonntag  Wache   geschoben  und   ebensolange
Stubendienst gemacht;  -  ich habe  in vollem  Gepuck mit  Gewehrauf  losem,
nassem Sturzacker "Sprung auf, marsch, marsch" und "Hinlegen" geubt, bis ich
ein  Dreckklumpen  war und  zusammenbrach;  -  ich  habe vier Stunden sputer
Himmelstoß mein tadellos gereinigtes Zeug vorgezeigt,  allerdings  mit
blutig geriebenen  Hunden; - ich  habe mit  Kropp,  Westhus und Tjaden  ohne
Handschuhe bei scharfem Frost eine Viertelstunde "Stillgestanden" geubt, die
bloßen   Finger  am   eisigen  Gewehrlauf,  lauernd   umschlichen  von
Himmelstoß, der auf  die geringste  Bewegung wartete, um  ein Vergehen
festzustellen; - ich bin nachts um zwei Uhr achtmal  im Hemd  vom  ob ersten
Stock der Kaserne  heruntergerannt  bis auf  den  Hof,  weil meine Unterhose
einige Zentimeter uber  den  Rand  des Schemels  hinausragte,  auf dem jeder
seine Sachen aufschichten mußte.  Neben mir lief der Unteroffizier vom
Dienst,  Himmelstoß, und  trat  mir auf  die  Zehen;  -  ich habe beim
Bajonettieren  stundig mit  Himmelstoß fechten  mussen,  wobei ich ein
schweres Eisengestell und er ein handliches Holzgewehr hatte,  so  daß
er mir bequem die Arme braun und blau schlagen konnte; allerdings geriet ich
dabei einmal so in Wut,  daß  ich  ihn  blindlings uberrannte und  ihm
einen derartigen Stoß vor  den Magen gab, daß er umfiel. Als  er
sich beschweren wollte, lachte  ihn der  Kompaniefuhrer  aus  und  sagte, er
solle doch  aufpassen; erkannte  seinen Himmelstoß und schien  ihm den
Reinfall  zu  gunnen.  - Ich  habe mich zu einem perfekten Kletterer auf die
Spinde  entwickelt;  -  ich  suchte  allmuhlich  auch  im Kniebeugen  meinen
Meister; -  wir  haben gezittert,  wenn  wir nur seine  Stimme hurten,  aber
kleingekriegt hat uns dieses wildgewordene Postpferd nicht.
     Als Kropp  und ich  im  Barackenlager  sonntags  an  einer  Stange  die
Latrineneimer  uber  den Hof  schleppten  und  Himmelstoß,  blitzblank
geschniegelt, zum Ausgehen bereit, gerade vorbeikam, sich vor uns hinstellte
und  fragte,  wie  uns  die Arbeit  gefiele, markierten  wir trotz allem ein
Stolpern und  gussen ihm  den  Eimer  uber die  Beine.  Er  tobte,  aber das
Maß war voll.
     "Das setzt Festung", schrie er.
     Kropp  hatte genug. "Vorher  aber eine Untersuchung, und  da werden wir
auspacken", sagte er.
     "Wie reden  Sie  mit einem  Unteroffizier!"  brullte  Himmelstoß,
"sind Sie verruckt geworden? Warten Sie,  bis Sie gefragt werden! Was wollen
Sie tun?"
     "uber Herrn Unteroffizier auspacken!"  sagte Kropp und nahm die  Finger
an die Hosennaht.
     Himmelstoß merkte nun doch, was los war, und  schob ohne ein Wort
ab.  Bevor  er  verschwand,  krakehlte er  zwar noch:  "Das  werde  ich euch
eintrunken",  - aber  es war vorbei mit  seiner Macht. Er versuchte  es noch
einmal  in den Sturzuckern mit "Hinlegen" und "Sprung auf,  marsch, marsch".
Wir befolgten  zwar  jeden Befehl;  denn  Befehl ist  Befehl,  er  muß
ausgefuhrt  werden.  Aber  wir  fuhrten  ihn   so  langsam   aus,  daß
Himmelstoß in Verzweiflung geriet.
     Gemutlich gingen wir  auf die Knie,  dann auf  die  Arme  und so  fort;
inzwischen hatte  er  schon wutend ein anderes  Kommando gegeben. Bevor  wir
schwitzten, war er heiser. Er ließ uns dann in Ruhe. Zwar  bezeichnete
er uns immer noch als Schweinehunde. Aber es lag Achtung darin.
     Es gab auch  viele  anstundige Korporale, die vernunftiger  waren;  die
anstundigen  waren sogar in der uberzahl. Aber vor allem wollte jeder seinen
guten  Posten hier in der Heimat  so lange  behalten  wie  muglich, und  das
konnte er nur, wenn er stramm mit den Rekruten war.
     Uns  ist  dabei wohl  jeder  Kasernenhofschliff  zuteil  geworden,  der
muglich war, und  oft haben wir vor Wut geheult. Manche  von  uns  sind auch
krank dadurch geworden. Wolf  ist sogar an  Lungenentzundung gestorben. Aber
wir wuren  uns lucherlich vorgekommen, wenn wir klein beigegeben hutten. Wir
wurden hart, mißtrauisch, mitleidlos, rachsuchtig,  roh  - und das war
gut; denn diese  Eigenschaften fehlten uns gerade. Hutte man  uns ohne diese
Ausbildungszeit in den Schutzengraben geschickt, dann wuren wohl die meisten
von uns  verruckt geworden. So aber  waren wir vorbereitet fur das, was  uns
erwartete.
     Wir  zerbrachen nicht, wir  paßten uns  an; unsere zwanzig Jahre,
die uns manches andere  so schwer machten, halfen uns dabei.  Das Wichtigste
aber war, daß in uns ein festes, praktisches Zusammen
     gehurigkeitsgefuhl  erwachte,  das  sich  im  Felde   dann  zum  Besten
steigerte, was der Krieg hervorbrachte: zur Kameradschaft!

     Ich sitze  am Bette Kemmerichs. Er verfullt mehr  und mehr. Um  uns ist
viel  Radau.  Ein  Lazarettzug  ist  angekommen,  und  die  transportfuhigen
Verwundeten werden ausgesucht.  An Kemmerichs Bett geht der Arzt  vorbei, er
sieht ihn nicht einmal an.
     "Das nuchstemal, Franz", sage ich.
     Er  hebt  sich  in  den  Kissen  auf  die  Ellbogen.  "Sie  haben  mich
amputiert."
     Das weiß er also doch jetzt. Ich nicke und antworte:
     "Sei froh, daß du so weggekommen bist."
     Er schweigt.
     Ich rede weiter: "Es konnten auch beide Beine sein, Franz.  Wegeler hat
den rechten  Arm  verloren. Das ist viel  schlimmer.  Du kommst ja auch nach
Hause."
     Er sieht mich an. "Meinst du?"
     "Naturlich."
     Er wiederholt: "Meinst du?"
     "  Sicher,  Franz.  Du  mußt  dich nur  erst  von  der  Operation
erholen."
     Er winkt mir, heranzurucken. Ich beuge mich uber  ihn, und er flustert:
"Ich glaube es nicht."
     "Rede keinen  Quatsch,  Franz,  in ein paar Tagen wirst  du  es  selbst
einsehen.  Was ist das schon  groß: ein amputiertes  Bein; hier werden
ganz andere Sachen wieder zurechtgepflastert."
     Er hebt eine Hand hoch. "Sieh dir das mal an, diese Finger."
     "Das  kommt  von der Operation. Futtere nur ordentlich, dann  wirst  du
schon aufholen. Habt ihr anstundige Verpflegung?"
     Er  zeigt auf eine  Schussel,  die noch  halb  voll ist. Ich  gerate in
Erregung. "Franz,  du mußt essen. Essen ist die  Hauptsache.  Das  ist
doch ganz gut hier."
     Er  wehrt ab.  Nach  einer  Pause  sagt  er  langsam:  "Ich  wollte mal
Oberfurster werden."
     "Das kannst du noch immer", truste ich. "Es gibt jetzt großartige
Prothesen, du merkst  damit gar nicht, daß dir etwas fehlt. Sie werden
an die Muskeln angeschlossen.  Bei Handprothesen kann man die Finger bewegen
und  arbeiten,  sogar schreiben. Und außerdem wird  da immer noch mehr
erfunden werden."
     Er liegt  eine  Zeitlang  still.  Dann  sagt  er:  "  Du  kannst  meine
Schnurschuhe fur Muller mitnehmen.
     Ich nicke und denke nach, was ich ihm  Aufmunterndes sagen  kann. Seine
Lippen  sind weggewischt,  sein Mund  ist  grußer geworden,  die Zuhne
stechen hervor, als wuren sie aus Kreide. Das Fleisch zerschmilzt, die Stirn
wulbt sich sturker,  die Backenknochen stehen vor. Das Skelett arbeitet sich
durch. Die Augen versinken schon. In ein paar Stunden wird es vorbei sein.
     Er ist  nicht  der  erste, den  ich  so sehe;  aber wir  sind  zusammen
aufgewachsen, da ist es doch immer  etwas anders. Ich habe  die Aufsutze von
ihm  abgeschrieben. Er trug in  der Schule meistens einen braunen Anzug  mit
Gurtel, der an den urmeln blankgewetzt war. Auch war er der einzige von uns,
der die große Riesenwelle am Reck konnte. Das Haar  flog ihm wie Seide
ms Gesicht, wenn er sie  machte. Kantorek war  deshalb  stolz auf ihn.  Aber
Zigaretten  konnte  er nicht vertragen.  Seine Haut war sehr  weiß, er
hatte etwas von einem Mudchen.
     Ich blicke auf meine Stiefel. Sie sind groß  und klobig, die Hose
ist hineingeschoben; wenn man aufsteht, sieht man dick und kruftig in diesen
breiten Ruhren  aus. Aber wenn wir  baden gehen und uns ausziehen, haben wir
plutzlich  wieder schmale Beine und  schmale Schultern. Wir sind dann  keine
Soldaten  mehr,  sondern  beinahe Knaben,  man  wurde  auch  nicht  glauben,
daß wir Tornister schleppen kunnen. Es ist ein sonderbarer Augenblick,
wenn wir  nackt sind; dann  sind wir Zivilisten und fuhlen  uns auch beinahe
so.
     Franz Kemmerich sah beim Baden klein  und schmal aus wie  ein  Kind. Da
liegt  er  nun,  weshalb nur?  Man sollte  die  ganze  Welt an  diesem Bette
vorbeifuhren und sagen:  Das ist Franz Kemmerich, neunzehneinhalb Jahre alt,
er will nicht sterben. Laßt ihn nicht sterben!
     Meine Gedanken  gehen durcheinander.  Diese  Luft von Karbol  und Brand
verschleimt die Lungen, sie ist ein truger Brei, der erstickt.
     Es  wird dunkel.  Kemmerichs Gesicht  verbleicht, es  hebt sich von den
Kissen  und ist so blaß, daß es schimmert.  Der Mund bewegt sich
leise. Ich nuhere mich ihm. Er flustert: "Wenn ihr meine Uhr findet, schickt
sie nach Hause."
     Ich  widerspreche  nicht. Es hat keinen Zweck mehr. Man  kann ihn nicht
uberzeugen.  Mir  ist  elend   vor  Hilflosigkeit.  Diese  Stirn   mit   den
eingesunkenen Schlufen, dieser  Mund,  der nur  noch Gebiß ist,  diese
spitze Nase!  Und die  dicke weinende Frau  zu Hause,  an die ich  schreiben
muß. Wenn ich nur den Brief schon weg hutte.
     Lazarettgehilfen  gehen  herum  mit  Flaschen  und Eimern. Einer  kommt
heran, wirft Kemmerich einen forschenden Blick zu  und entfernt sich wieder.
Man sieht, daß er wartet, wahrscheinlich braucht er das Bett.
     Ich  rucke nahe an Franz heran und spreche,  als kunnte ihn das retten:
"Vielleicht kommst  du in das Erholungsheim am  Klosterberg, Franz, zwischen
den Villen. Du kannst dann vom Fenster aus uber die Felder sehen bis zu  den
beiden  Buumen am  Horizont. Es ist jetzt die  schunste Zeit, wenn  das Korn
reift, abends in der Sonne sehen die Felder dann aus wie Perlmutter. Und die
Pappelauee am Klosterbach, in  dem  wir Stichlinge gefangen haben! Du kannst
dir dann wieder ein Aquarium anlegen und Fische zuchten,  du kannst ausgehen
und  brauchst niemand  zu fragen, und Klavierspielen kannst  du  sogar auch,
wenn du willst."
     Ich beuge mich uber sein Gesicht, das im Schatten liegt. Er atmet noch,
leise. Sein Gesicht ist naß,  er weint. Da habe ich ja  schunen Unsinn
angerichtet mit meinem dummen Gerede!
     "Aber  Franz"  - ich  umfasse seine Schulter und  lege mein  Gesicht an
seins. "Willst du jetzt schlafen?"
     Er antwortet nicht. Die  Trunen  laufen ihm  die  Backen  herunter. Ich
muchte sie abwischen, aber mein Taschentuch ist zu schmutzig.
     Eine  Stunde vergeht.  Ich  sitze gespannt  und  beobachte jede  seiner
Mienen,  ob er vielleicht  noch etwas  sagen muchte. Wenn  er  doch den Mund
auftun und schreien wollte! Aber  er weint nur, den Kopf zur  Seite gewandt.
Er spricht nicht von seiner Mutter und seinen  Geschwistern, er sagt nichts,
es liegt wohl schon hinter ihm; - er ist
     jetzt allein  mit seinem kleinen neunzehnjuhrigen Leben und weint, weil
es ihn verlußt.
     Dies ist der fassungsloseste und schwerste Abschied, den ich je gesehen
habe, obwohl es beiTiedjen auch schlimm war, der nach seiner Mutter brullte,
ein  burenstarker Kerl, und  der den Arzt mit aufgerissenen Augen  angstvoll
mit einem Seitengewehr von seinem Bett fernhielt, bis er zusammenklappte.
     Plutzlich stuhnt Kemmerich und fungt an zu rucheln.
     Ich  springe auf, stolpere  hinaus und frage: "Wo ist der  Arzt? Wo ist
der Arzt?"
     Als  ich den weißen Kittel sehe, halte ich ihn  fest. "Kommen Sie
rasch, Franz Kemmerich stirbt sonst."
     Er macht sich los und fragt einen dabeistehenden Lazarettgehilfen: "Was
soll das heißen?"
     Der sagt: "Bett 26, Oberschenkel amputiert."
     Er  schnauzt: "Wie soll ich davon  etwas wissen, ich  habe  heute  funf
Beine amputiert",  schiebt mich weg, sagt dem Lazarettgehilfen:  "Sehen  Sie
nach", und rennt zum Operationssaal.
     Ich bebe vor Wut, als ich mit  dem  Sanituter gehe. Der Mann sieht mich
an und sagt: "Eine Operation nach der andern, seit morgens  funf Uhr - doll,
sage  ich  dir,  heute allein  wieder sechzehn  Abgunge  -  deiner  ist  der
siebzehnte. Zwanzig werden sicher noch voll -"
     Mir  wird schwach,  ich kann plutzlich nicht mehr. Ich will  nicht mehr
schimpfen, es  ist sinnlos,  ich muchte  mich fallen lassen und  nie  wieder
aufstehen.
     Wir  sind am  Bette  Kemmerichs.  Er  ist  tot.  Das Gesicht  ist  noch
naß  von den  Trunen. Die Augen stehen halb  offen, sie sind  gelb wie
alte Hornknupfe. -
     Der Sanituter stußt mich in die Rippen.
     "Nimmst du seine Sachen mit?"
     Ich nicke.
     Er  fuhrt  fort: "Wir mussen  ihn gleich wegbringen,  wir brauchen  das
Bett. Draußen liegen sie schon auf dem Flur."
     Ich nehme die Sachen  und knupfe Kemmerich die Erkennungsmarke ab.  Der
Sanituter fragt nach dem Soldbuch. Es ist nicht da.
     Ich sage, daß es wohl auf der Schreibstube sein musse,  und gehe.
Hinter mir zerren sie Franz schon auf eine Zeltbahn.
     Vor der Tur  fuhle ich  wie eine Erlusung das  Dunkel und den Wind. Ich
atme, so sehr  ich  es  vermag, und spure die Luft warm und weich wie nie in
meinem  Gesicht. Gedanken  an  Mudchen, an  bluhende  Wiesen, an weiße
Wolken  fliegen mir plutzlich durch den Kopf.  Meine Fuße bewegen sich
in den Stiefeln vorwurts, ich gehe schneller, ich  laufe. Soldaten kommen an
mir voruber,  ihre Gespruche erregen mich, ohne daß ich  sie verstehe.
Die Erde  ist von Kruften durchflossen, die  durch meine Fußsohlen  in
mich uberstrumen. Die Nacht  knistert elektrisch, die Front gewittert  dumpf
wie  ein  Trommelkonzert. Meine  Glieder bewegen sich geschmeidig, ich fuhle
meine Gelenke  stark, ich schnaufe und schnaube. Die Nacht lebt,  ich  lebe.
Ich spure Hunger, einen grußeren als nur vom Magen. -
     Muller  steht  vor  der Baracke  und  erwartet mich.  Ich gebe  ihm die
Schuhe. Wir gehen hinein, und er probiert sie an. Sie passen genau. -
     Er  kramt  in   seinen  Vorruten  und  bietet  mir  ein  schunes  Stuck
Zervelatwurst an. Dazu gibt es heißen Tee mit Rum.



     Wir  bekommen Ersatz. Die Lucken werden  ausgefullt, und die Strohsucke
in den Baracken sind  bald belegt.  Zum Teil sind es  alte Leute, aber  auch
funfundzwanzig  Mann  junger  Ersatz aus  den  Feldrekrutendepots werden uns
uberwiesen. Sie sind fast  ein Jahr  junger  als wir. Kropp stußt mich
an: "Hast du die Kinder gesehen?"
     Ich nicke.  Wir  werfen  uns  in  die  Brust, lassen  uns  auf dem  Hof
rasieren, stecken die Hunde  in die Hosentaschen, sehen uns  die Rekruten an
und fuhlen uns als steinaltes Militur.
     Katczinsky  schließt   sich  uns   an.  Wir   wandern  durch  die
Pferdestulle und kommen zu den Ersatzleuten, die gerade Gasmasken und Kaffee
empfangen.  Kat   fragt   einen  der   jungsten:  "Habt  wohl  lange  nichts
Vernunftiges zu futtern gekriegt, was?"
     Der   verzieht  das   Gesicht.   "Morgens   Steckrubenbrot   -  mittags
Steckrubengemuse, abends Steckrubenkoteletts und Steckrubensalat."
     Katczinsky pfeift fachmunnisch. "Brot aus Steckruben? Da habt ihr Gluck
gehabt, sie machen  es  auch  schon aus  Sugespunen.  Aber  was meinst du zu
weißen Bohnen, willst du einen Schlag haben?"
     Der Junge wird rot. "Verkohlen brauchst du mich nicht."
     Katczinsky antwortet nichts als: "Nimm dein Kochgeschirr."
     Wir  folgen neugierig.  Er  fuhrt  uns  zu  einer  Tonne  neben  seinem
Strohsack.  Sie  ist   tatsuchlich   halb   voll  weißer  Bohnen   mit
Rindfleisch. Katczinsky steht vor  ihr wie  ein General und sagt: "Auge auf,
Finger lang! Das ist die Parole bei den Preußen."
     Wir sind uberrascht. Ich frage: "Meine Fresse,  Kat, wie kommst du denn
dazu?"
     "Die  Tomate war  froh,  als  ich  ihr's abnahm.  Ich  habe  drei Stuck
Fallschirmseide  dafur gegeben. Na, weiße  Bohnen schmecken kalt  doch
tadellos."
     Er gibt gunnerhaft dem  Jungen eine Portion auf und sagt: "Wenn du  das
nuchstemal  hier  antrittst mit  deinem Kochgeschirr, hast du  in der linken
Hand eine Zigarre oder einen Priem. Verstanden?"
     Dann wendet er sich zu uns. "Ihr kriegt naturlich so."

     Katczinsky ist nicht zu entbehren, weil er einen sechsten Sinn hat.  Es
gibt uberall  solche  Leute,  aber niemand sieht  ihnen  von  vornherein an,
daß es so ist. Jede Kompanie hat einen oder zwei davon. Katczinsky ist
der gerissenste, den ich kenne. Von Beruf ist er, glaube ich, Schuster, aber
das tut  nichts zur Sache, er versteht jedes Handwerk. Es ist  gut, mit  ihm
befreundet  zu sein.  Wir sind  es, Kropp und  ich, auch Haie Westhus gehurt
halb und halb dazu. Er ist allerdings schon mehr ausfuhrendes Organ, denn er
arbeitet  unter dem Kommando  Kats, wenn eine Sache geschmissen wird, zu der
man Fuuste braucht. Dafur hat er dann seine Vorteile.
     Wir kommen  zum Beispiel nachts  in  einen vullig  unbekannten Ort, ein
trubseliges Nest,  dem  man gleich ansieht, daß es ausgepowert ist bis
auf die  Mauern.  Quartier  ist  eine kleine, dunkle Fabrik,  die erst  dazu
eingerichtet worden ist. Es  stehen Betten darin, vielmehr  nur Bettstellen,
ein paar Holzlatten, die mit Drahtgeflecht bespannt sind.
     Drahtgeflecht ist hart. Eine Decke zum Unterlegen haben wir  nicht, wir
brauchen unsere zum Zudecken. Die Zeltbahn ist zu dunn.
     Kat sieht sich  die Sache an und sagt  zu Haie Westhus: "Komm mal mit."
Sie gehen  los,  in den vullig  unbekannten Ort hinein.  Eine  halbe  Stunde
sputer  sind sie  wieder  da,  die  Arme  hoch  voll  Stroh. Kat  hat  einen
Pferdestall  gefunden  und damit das Stroh. Wir kunnten jetzt warm schlafen,
wenn wir nicht noch einen so entsetzlichen Kohldampf hutten.
     Kropp  fragt einen Artilleristen, der  schon lunger in der  Gegend ist:
"Gibt es hier irgendwo eine Kantine?"
     Der lacht: "Hat  sich was! Hier ist  nichts zu holen.  Keine  Brotrinde
holst du hier."
     "Sind denn keine Einwohner mehr da?"
     Er spuckt  aus.  "Doch,  ein  paar. Aber  die  lungern selbst  um jeden
Kuchenkessel herum und betteln."
     Das ist eine buse Sache. Dann mussen  wir eben den Schmachtriemen enger
schnallen und bis morgen warten, wenn die Furage kommt.
     Ich sehe jedoch, wie Kat seine Mutze aufsetzt, und frage: "Wo willst du
hin, Kat?"
     "Mal etwas die Lage spannen." Er schlendert hinaus.
     Der Artillerist grinst huhnisch. "Spann man! Verheb dich nicht dabei."
     Enttuuscht  legen  wir  uns  hin  und  uberlegen,  ob  wir die eisernen
Portionen anknabbern sollen. Aber es  ist  uns zu  riskant. So versuchen wir
ein Auge voll Schlaf zu nehmen.
     Kropp  bricht eine  Zigarette  durch und  gibt mir  die Hulfte.  Tjaden
erzuhlt  von  seinem  Nationalgericht,  großen  Bohnen  mit  Speck. Er
verdammt  die  Zubereitung  ohne Bohnenkraut.  Vor allem aber soll man alles
durcheinander  kochen, um Gottes willen nicht die Kartoffeln, die Bohnen und
den  Speck  getrennt.  Jemand  knurrte, daß er Tjaden  zu  Bohnenkraut
verarbeiten wurde, wenn er nicht sofort still wure.  Darauf wird es ruhig in
dem großen  Raum. Nur ein paar Kerzen flackern in  den Flaschenhulsen,
und ab und zu spuckt der Artillerist aus.
     Wir duseln ein bißchen,  als die Tur aufgeht und  Kat  erscheint.
Ich glaube zu truumen: er hat zwei Brote unter dem Arm und in der Hand einen
blutigen Sandsack mit Pferdefleisch.
     Dem Artilleristen fullt die Pfeife aus dem Munde. Er betastet das Brot.
"Tatsuchlich, richtiges Brot, und noch warm."
     Kat redet  nicht weiter daruber. Er hat eben Brot, das andere ist egal.
Ich bin uberzeugt,  wenn man ihn  in der Wuste aussetzte, wurde  er in einer
Stunde ein Abendessen aus Datteln, Braten und Wein zusammenfinden.
     Er sagt kurz zu Haie: "Hack Holz."
     Dann holt er eine Bratpfanne unter  seinem Rock hervor  und  zieht eine
Handvoll Salz  und sogar eine Scheibe Fett aus der Tasche; - er hat an alles
gedacht. Haie macht auf dem Fußboden ein Feuer.  Es prasselt durch die
kahle Fabrikhalle. Wir klettern aus den Betten.
     Der  Artillerist  schwankt.  Er  uberlegt,  ob  er  loben  soll,  damit
vielleicht auch etwas fur ihn abfullt. Aber Katczinsky  sieht ihn gar nicht,
so sehr ist er Luft fur ihn. Da zieht er fluchend ab.
     Kat kennt die Art, Pferdefleisch weichzubraten. Es darf nicht gleich in
die  Pfanne,  dann  wird  es  hart.  Vorher  muß  es in  wenig  Wasser
vorgekocht werden. Wir  hocken uns mit  unsern Messern im Kreis und schlagen
uns den Magen voll.
     Das ist Kat. Wenn in  einem Jahr in  einer  Gegend nur eine Stunde lang
etwas  Eßbares aufzutreiben  wure, so wurde er genau in dieser Stunde,
wie von einer Erleuchtung  getrieben, seine  Mutze  aufsetzen,  hinausgehen,
geradewegs wie nach einem Kompaß darauf zu, und es finden.
     Er  findet  alles; - wenn es kalt  ist, kleine  Ofen und Holz, Heu  und
Stroh, Tische, Stuhle  - vor  allem  aber  Fressen.  Es ist  rutselhaft, man
sollte glauben, er zaubere es aus der Luft. Seine  Glanzleistung  waren vier
Dosen Hummer. Allerdings hutten wir lieber Schmalz dafur gehabt.

     Wir  haben uns auf der  Sonnenseite der  Baracken hingehauen. Es riecht
nach Teer, Sommer und Schweißfußen.
     Kat  sitzt  neben  mir,  denn er unterhult sich  gern.  Wir haben heute
mittag   eine  Stunde  Ehrenbezeigungen  geubt,  weil   Tjaden  einen  Major
nachlussig  gegrußt  hat.  Das  will  Kat   nicht  aus  dem  Kopf.  Er
uußert:  "Paß  auf,  wir  verlieren den Krieg,  weil  wir zu gut
grußen kunnen."
     Kropp  storcht nuher,  barfuß, die Hosen aufgekrempelt.  Er  legt
seine gewaschenen Socken zum  Trocknen aufs Gras. Kat sieht  in den  Himmel,
lußt  einen  kruftigen  Laut huren und  sagt  versonnen  dazu:  "Jedes
Buhnchen gibt ein Tunchen."
     Die beiden  fangen an zu  disputieren. Gleichzeitig wetten sie um  eine
Flasche Bier auf einen Fliegerkampf, der sich uber uns abspielt.
     Kat lußt  sich  nicht von  seiner Meinung abbringen, die  er  als
altes  Frontschwein  wieder  in  Reimen  von sich  gibt:  "Gleiche  Luhnung,
gleiches Essen, war'der Krieg schon lungst vergessen." -
     Kropp  dagegen ist  ein Denker. Er  schlugt  vor,  eine Kriegserklurung
solle  eine  Art Volksfest  werden mit  Eintrittskarten  und Musik  wie  bei
Stiergefechten. Dann mußten in der Arena die Minister und Generule der
beiden  Lunder in  Badehosen, mit Knuppeln bewaffnet,  aufeinander losgehen.
Wer ubrigbliebe, dessen  Land  hutte gesiegt. Das  wure einfacher und besser
als hier, wo die falschen Leute sich bekumpfen.
     Der Vorschlag gefullt.  Dann gleitet das Gespruch auf den Kasernendrill
uber.
     Mir fullt dabei ein Bild ein. Gluhender Mittag auf dem Kasernenhof. Die
Hitze  steht  uber dem  Platz. Die Kasernen  wirken  wie ausgestorben. Alles
schluft. Man hurt nur Trommler uben, irgendwo haben sie sich aufgestellt und
uben,   ungeschickt,   eintunig,   stumpfsinnig.   Welch    ein   Dreiklang:
Mittagshitze, Kasernenhof und Trommeluben!
     Die  Fenster  der  Kaserne  sind  leer und  dunkel. Aus  einigen hungen
trocknende Drillichhosen.  Man sieht  sehnsuchtig  hinuber. Die Stuben  sind
kuhl. -
     Oh,  ihr  dunklen,  muffigen  Korporalschaftsstuben  mit  den  eisernen
Bettgestellen, den  gewurfelten Betten, den Spindschrunken und den  Schemeln
davor! Selbst ihr  kunnt das  Ziel von Wunschen  werden; hier  draußen
seid ihr sogar ein  sagenhafter Abglanz  von  Heimat, ihr Gelasse voll Dunst
von abgestandenen Speisen, Schlaf, Rauch und Kleidern!
     Katczinsky beschreibt sie mit Farbenpracht  und  großer Bewegung.
Was wurden wir geben, wenn wir  zu  ihnen zuruck kunnten! Denn  weiter wagen
sich unsre Gedanken schon gar nicht -
     Ihr Instruktionsstunden in der Morgenfruhe - "Worin zerfullt das Gewehr
98?" - ihr  Turnstunden  am Nachmittag -  "Klavierspieler vortreten.  Rechts
heraus. Meldet euch in der Kuche zum Kartoffelschulen" -
     Wir  schwelgen in Erinnerungen.  Kropp lacht  plutzlich  und sagt:  "In
Luhne umsteigen."
     Das  war   das   liebste   Spiel   unseres  Korporals.  Luhne  ist  ein
Umsteigebahnhof. Damit  unsre Urlauber sich  dort  nicht  verlaufen sollten,
ubte  Himmelstoß  das  Umsteigen  mit  uns in  der Kasernenstube.  Wir
sollten  lernen,  daß  man  in   Luhne  durch  eine  Unterfuhrung  zum
Anschlußzug  gelangte. Die  Betten stellten die Unterfuhrung  dar, und
jeder  baute  sich  links davon  auf.  Dann  kam  das  Kommando:  "In  Luhne
umsteigen!", und wie der Blitz kroch alles unter den Betten hindurch auf die
andere Seite. Das haben wir stundenlang geubt. -
     Inzwischen ist das deutsche Flugzeug abgeschossen worden. Wie ein Komet
sturzt es in einer Rauchfahne abwurts.  Kropp hat  dadurch eine Flasche Bier
verloren und zuhlt mißmutig sein Geld.
     "Der  Himmelstoß  ist als  Brieftruger  sicher  ein  bescheidener
Mann", sagte ich, nachdem sich Alberts Enttuuschung gelegt  hat, "wie mag es
nur kommen, daß er als Unteroffizier ein solcher Schinder ist?"
     Die Frage macht Kropp wieder mobil. "Das ist nicht nur Himmelstoß
allein,  das  sind sehr viele. Sowie  sie  Tressen  oder einen Subel  haben,
werden sie andere Menschen, als ob sie Beton gefressen hutten."
     "Das macht die Uniform", vermute ich.
     "So  ungefuhr", sagt  Kat  und  setzt sich zu einer  großen  Rede
zurecht, "aber der Grund liegt anderswo. Sieh  mal, wenn du einen  Hund  zum
Kartoffelfressen  abrichtest und du legst ihm dann nachher ein Stuck Fleisch
hin,  so wird er trotzdem  danach schnappen, weil das in seiner Natur liegt.
Und  wenn du einem Menschen ein  Stuckchen  Macht  gibst, dann  geht  es ihm
ebenso; er  schnappt danach.  Das kommt ganz von selber, denn der Mensch ist
an und  fur sich  zunuchst einmal ein  Biest, und dann  erst ist  vielleicht
noch, wie bei einer Schmalzstulle, etwas Anstundigkeit draufgeschmiert.  Der
Kommiß besteht nun  darin, daß immer einer uber den andern Macht
hat. Das  Schlimme  ist  nur,  daß jeder viel  zuviel  Macht hat;  ein
Unteroffizier  kann  einen  Gemeinen, ein Leutnant einen  Unteroffizier, ein
Hauptmann  einen Leutnant derartig zwiebeln, daß er verruckt wird. Und
weil er das  weiß, deshalb gewuhnt er  es sich gleich schon etwas  an.
Nimm  nur  die  einfachste  Sache:  wir kommen  vom Exerzierplatz  und  sind
hundemude. Da  wird befohlen: Singen! Na, es wird ein schlapper Gesang, denn
jeder ist  froh,  daß  er sein  Gewehr noch schleppen  kann. Und schon
macht  die Kompanie  kehrt  und muß eine  Stunde strafexerzieren. Beim
Ruckmarsch heißt  es  wieder:   Singen!', und jetzt wird gesungen. Was
hat   das  Ganze  fur  einen  Zweck?  Der  Kompaniefuhrer  hat  seinen  Kopf
durchgesetzt,  weil er die Macht  dazu  hat.  Niemand  wird  ihn tadeln,  im
Gegenteil, er gilt als stramm. Dabei ist  so  etwas nur eine Kleinigkeit, es
gibt  doch noch ganz andere Sachen, womit sie einen schinden. Nun  frage ich
euch: Mag der Mann in Zivil sein, was er will, in welchem Beruf kann er sich
so etwas leisten, ohne  daß ihm die Schnauze eingeschlagen  wird ? Das
kann er nur  beim Kommiß! Seht ihr, und das steigt  jedem zu Kopf! Und
es steigt ihm um  so  mehr  zu Kopf, je  weniger er als  Zivilist  zu  sagen
hatte."
     "Es  heißt  eben,  Disziplin  muß  sein   -",  meint  Kropp
nachlussig.
     " Grunde", knurrt Kat, "haben sie immer. Mag ja auch sein. Aber es darf
keine Schikane werden. Und mach du das mal  einem Schlosser oder Knecht oder
Arbeiter klar, erklure das mal einem Muskoten, und das sind doch die meisten
hier; der sieht nur, daß er geschunden wird und ins Feld kommt, und er
weiß  ganz  genau,  was  notwendig  ist und was nicht. Ich  sage euch,
daß  der einfache Soldat  hier  vorn so aushult,  das  ist  allerhand!
Allerhand ist das!"
     Jeder   gibt  es   zu,   denn   jeder   weiß,  daß  nur  im
Schutzengraben der Drill aufhurt,  daß er aber wenige Kilometer hinter
der Front schon wieder beginnt, und sei es mit dem grußten Unsinn, mit
Grußen  und Parademarsch.  Denn  es  ist  eisernes Gesetz: Der  Soldat
muß auf jeden Fall beschuftigt werden.
     Doch nun  erscheint Tjaden, mit roten  Flecken  im Gesicht.  Er  ist so
aufgeregt,    daß    er   stottert.    Strahlend    buchstabiert   er:
"Himmelstoß ist unterwegs nach hier. Er kommt an die Front."

     Tjaden  hat  eine  Hauptwut  auf  Himmelstoß,  weil  der  ihn  im
Barackenlager auf seine  Weise  erzogen hat. Tjaden  ist  Bettnusser, nachts
beim Schlafen  passiert  es ihm eben.  Himmelstoß  behauptet steif und
fest, es sei nur Faulheit, und er fand ein seiner wurdiges Mittel, um Tjaden
zu  heilen. Er  trieb  in der benachbarten Baracke  einen zweiten Bettnusser
auf, der Kindervater hieß. Den quartierte er mit  Tjaden zusammen.  In
den Baracken  standen die  typischen Bettgestelle, zwei Betten ubereinander,
die Bettbuden  aus  Draht.  Himmelstoß  legte  beide nun  so zusammen,
daß der  eine  das  obere,  der  andere das  darunter befindliche Bett
bekam. Der untere war dadurch naturlich scheußlich  daran. Dafur wurde
am nuchsten Abend gewechselt, der untere kam nach oben, damit er  Vergeltung
hatte. Das war Himmelstoß' Selbsterziehung.
     Der Einfall war gemein, aber in der Idee  gut. Leider nutzte er nichts,
weil die Voraussetzung nicht stimmte: es war keine Faulheit bei  den beiden.
Das konnte  jeder merken, der ihre fahle Haut ansah. Die Sache endete damit,
daß immer einer  von  beiden auf  dem Fußboden schlief. Er hutte
sich leicht dabei erkulten kunnen. -
     Haie hat sich inzwischen auch neben uns niedergelassen. Er blinzelt mir
zu und reibt anduchtig  seine Tatze. Wir haben  zusammen den  schunsten  Tag
unseres  Kommißlebens erlebt. Das  war der  Abend, bevor wir  ins Feld
fuhren. Wir waren einem  der Regimenter mit  der hohen Hausnummer zugeteilt,
vorher  aber  zur  Einkleidung   in  die  Garnison  zuruckbefurdert  worden,
allerdings  nicht  zum  Rekrutendepot,  sondern in  eine andere  Kaserne. Am
nuchsten Morgen  fruh  sollten wir  abfahren. Abends machten wir uns auf, um
mit Himmelstoß abzurechnen. Das hatten wir uns seit Wochen geschworen.
Kropp war  sogar so weit gegangen, daß er  sich vorgenommen  hatte, im
Frieden das Postfach einzuschlagen, um sputer, wenn Himmelstoß  wieder
Brieftruger  war, sein  Vorgesetzter zu werden. Er schwelgte in Bildern, wie
er  ihn schleifen  wurde. Denn  das  war  es  gerade,  weshalb  er uns nicht
kleinkriegen  konnte; wir  rechneten  stets damit,  daß wir ihn  schon
einmal schnappen wurden, sputestens am Kriegsende.
     Einstweilen wollten wir ihn grundlich  verhauen.  Was konnte  uns schon
passieren, wenn er uns nicht erkannte und wir ohnehin morgen fruh abfuhren.
     Wir wußten, in  welcher Kneipe er jeden Abend saß.  Wenn er
von  dort  zur  Kaserne ging, mußte  er  durch eine  dunkle, unbebaute
Straße. Dort lauerten wir ihm hinter einem Steinhaufen  auf. Ich hatte
einen Bettuberzug bei mir. Wir zitterten  vor Erwartung, ob  er auch  allein
sein  wurde. Endlich hurten  wir  seinen Schritt, den kannten wir genau, wir
hatten ihn oft  genug morgens gehurt, wenn die Tur aufflog  und "Aufstehen!"
gebrullt wurde.
     "Allein?" flusterte Kropp.
     "Allein!" - Ich schlich mit Tjaden um den Steinhaufen herum.
     Da blitzte schon sein Koppelschloß. Himmelstoß schien etwas
angeheitert zu sein; er sang. Ahnungslos ging er voruber.
     Wir faßten das Bettuch, machten  einen leisen Satz,  stulpten  es
ihm von hinten  uber den Kopf, rissen es  nach unten, so daß er wie in
einem weißen Sack dastand und die Arme nicht heben  konnte. Das Singen
erstarb.
     Im nuchsten Moment  war  Haie Westhus heran. Mit  ausgebreiteten  Armen
warf  er  uns  zuruck,  um  nur  ja der  erste  zu  sein.  Er  stellte  sich
genußreich in Positur,  hob den Arm wie einen Signalmast, die Hand wie
eine Kohlenschaufel und knallte einen Schlag auf  den weißen Sack, der
einen Ochsen hutte tuten kunnen.
     Himmelstoß uberschlug sich, landete funf Meter weiter und fing an
zu brullen. Auch dafur hatten  wir  gesorgt, denn wir hatten  ein Kissen bei
uns.  Haie  hockte  sich  hin,  legte  das  Kissen  auf  die   Knie,  packte
Himmelstoß da, wo der Kopf war, und druckte ihn auf das Kissen. Sofort
wurde er  im  Ton  gedumpfter. Haie  ließ  ihn  ab  und  zu  mal  Luft
schnappen,  dann kam aus dem Gurgeln  ein prachtvoller  heller  Schrei,  der
gleich wieder zart wurde.
     Tjaden knupfte jetzt Himmelstoß  die Hosentruger ab und  zog  ihm
die  Hose  herunter. Die  Klopfpeitsche  hielt er dabei mit den Zuhnen fest.
Dann erhob er sich und begann sich zu bewegen.
     Es war ein wunderbares Bild: Himmelstoß  auf der  Erde, uber  ihn
gebeugt, seinen Kopf auf  den  Knien,  Haie mit teuflisch grinsendem Gesicht
und vor Lust offenem Maul, dann  die zuckende, gestreifte Unterhose mit  den
X-Beinen,  die   in  der  heruntergeschobenen  Hose  bei  jedem  Schlag  die
originellsten  Bewegungen  machten,  und  daruber  wie  ein  Holzhacker  der
unermudliche  Tjaden.  Wir   mußten   ihn  schließlich  geradezu
wegreißen, um auch noch an die Reihe zu kommen.
     Endlich stellte Haie Himmelstoß wieder auf die Beine und  gab als
Schluß eine Privatvorstellung. Er schien Sterne pflucken zu wollen, so
holte seine Rechte aus zu einer Backpfeife. Himmelstoß kippte um. Haie
hob ihn wieder  auf, stellte  ihn  sich parat  und langte  ihm ein  zweites,
erstklassig gezieltes Ding  mit der linken Hand. Himmelstoß heulte und
fluchtete auf allen vieren. Sein gestreifter Brieftrugerhintern leuchtete im
Mond.
     Wir verschwanden im Galopp.
     Haie  sah sich noch einmal um und sagte ingrimmig,  gesuttigt und etwas
rutselhaft: "Rache ist Blutwurst." -
     Eigentlich konnte Himmelstoß froh sein; denn sein Wort, daß
immer einer den andern erziehen musse, hatte an ihm selbst Fruchte getragen.
Wir waren gelehrige Schuler seiner Methoden geworden.
     Er hat nie heraus gekriegt, wem er die Sache verdankte. Immerhin gewann
er  dabei ein  Bettuch;  denn  als  wir einige  Stunden  sputer  noch einmal
nachsahen, war es nicht mehr zu finden.
     Dieser  Abend   war  der   Grund,  daß  wir  am  nuchsten  Morgen
einigermaßen  gefaßt abfuhren. Ein wehender Vollbart bezeichnete
uns deshalb ganz geruhrt als Heldenjugend.



     Wir  mussen  nach vorn  zum  Schanzen.  Beim  Dunkelwerden  rollen  die
Lastwagen  an. Wir  klettern  hinauf.  Es ist  ein  warmer  Abend,  und  die
Dummerung  erscheint uns  wie ein  Tuch,  unter dessen Schutz  wir uns  wohl
fuhlen.  Sie  verbindet  uns;  sogar der  geizige Tjaden  schenkt  mir  eine
Zigarette und gibt mir Feuer.
     Wir stehen nebeneinander, dicht an dicht, sitzen kann niemand. Das sind
wir auch nicht gewuhnt.  Muller ist endlich mal guter  Laune; er trugt seine
neuen Stiefel.
     Die  Motoren  brummen   an,  die   Wagen  klappern  und   rasseln.  Die
Straßen sind ausgefahren und voller Lucher. Es darf kein Licht gemacht
werden,  deshalb  rumpeln wir  hinein,  daß  wir  fast aus  dem  Wagen
purzeln.  Das beunruhigt uns  nicht weiter.  Was  kann  schon passieren; ein
gebrochener  Arm ist besser als ein Loch im Bauch,  und mancher wunscht sich
geradezu eine solch gute Gelegenheit, nach Hause zu kommen.
     Neben  uns  fahren in langer Reihe die Munitionskolonnen. Sie  haben es
eilig,  uberholen  uns  fortwuhrend.  Wir  rufen ihnen  Witze  zu,  und  sie
antworten.
     Eine Mauer wird sichtbar, sie gehurt  zu  einem Hause,  das abseits der
Straße liegt. Ich spitze plutzlich die Ohren. Tuusche ich mich? Wieder
hure ich deutlich  Gunsegeschnatter. Ein Blick zu Katczinsky - ein Blick von
ihm zuruck; wir verstehen uns.
     "Kat, ich hure da einen Kochgeschirraspiranten -"
     Er nickt.  "Wird gemacht, wenn wir zuruck  sind.  Ich  weiß  hier
Bescheid."
     Naturlich weiß Kat Bescheid. Er kennt bestimmt jedes Gunsebein in
zwanzig Kilometer Umkreis.
     Die Wagen erreichen  das Gebiet der Artillerie. Die Geschutzstunde sind
gegen Fliegersicht mit  Buschen  verkleidet, wie  zu einer Art militurischem
Laubhuttenfest.  Diese  Lauben  suhen lustig  und  friedlich aus, wenn  ihre
Insassen keine Kanonen wuren.
     Die Luft wird  diesig  von  Geschutzrauch und Nebel. Man  schmeckt  den
Pulverqualm bitter auf  der  Zunge. Die Abschusse  krachen, daß  unser
Wagen  bebt,  das  Echo  rollt  tosend  hinterher,  alles  schwankt.  Unsere
Gesichter verundern sich unmerklich. Wir  brauchen zwar nicht in die Gruben,
sondern nur zum Schanzen, aber in - jedem Gesicht steht jetzt: hier ist  die
Front,  wir sind in ihrem Bereich. Es ist  das noch keine  Angst. Wer so oft
nach vorn gefahren ist wie wir, der wird dickfellig. Nur die jungen Rekruten
sind  aufgeregt.  Kat belehrt  sie:  "Das  war  ein  30,5.  Ihr hurt  es  am
Abschuß; - gleich kommt der Einschlag."
     Aber der dumpfe Hall  der Einschluge  dringt nicht heruber. Er ertrinkt
im Gemurmel der Front. Kat horcht hinaus: "Die Nacht gibt es Kattun."
     Wir horchen alle. Die Front ist unruhig. Kropp sagt:
     "Die Tommys schießen schon."
     Die Abschusse sind deutlich zu huren. Es sind die englischen Batterien,
rechts von  unserm Abschnitt. Sie beginnen  eine  Stunde zu  fruh.  Bei  uns
fingen sie immer erst Punkt zehn Uhr an.
     "Was fullt denn denen ein", ruft Muller, "ihre Uhren gehen wohl vor."
     "Es gibt Kattun, sag ich euch, ich  spure es in den Knochen." Kat zieht
die Schultern hoch.
     Neben  uns druhnen drei Abschusse. Der Feuerstrahl schießt schrug
in den Nebel, die Geschutze brummen und rumoren. Wir frusteln und sind froh,
daß wir morgen fruh wieder in den Baracken sein werden.
     Unsere Gesichter sind nicht blasser und nicht ruter als sonst; sie sind
auch nicht gespannter  oder schlaffer, und doch sind sie anders. Wir fuhlen,
daß in  unserm  Blut  ein  Kontakt  angeknipst  ist.  Das  sind  keine
Redensarten;  es  ist Tatsache. Die Front ist  es,  das Bewußtsein der
Front,  das diesen Kontakt  auslust. Im Augenblick, wo die  ersten  Granaten
pfeifen,  wo die Luft unter den Abschussen zerreißt,  ist plutzlich in
unsern Adern, unsern  Hunden, unsern Augen ein geducktes Warten, ein Lauern,
ein  sturkeres  Wachsein,  eine  sonderbare Geschmeidigkeit  der  Sinne. Der
Kurper ist mit einem Schlage in voller Bereitschaft.
     Oft ist es mir, als wure es die erschutterte, vibrierende Luft, die mit
lautlosem Schwingen auf uns uberspringt; oder als wure  es die Front selbst,
von  der  eine   Elektrizitut  ausstrahlt,  die   unbekannte   Nervenspitzen
mobilisiert.
     Jedesmal  ist  es  dasselbe: wir  fahren  ab  und sind  murrische  oder
gutgelaunte Soldaten; -  dann  kommen die  ersten Geschutzstunde, und  jedes
Wort unserer Gespruche hat einen verunderten Klang. -
     Wenn Kat vor den  Baracken steht und  sagt: "Es gibt Kattun  -", so ist
das eben seine Meinung, fertig; - wenn er es aber hier sagt, so hat der Satz
eine Schurfe wie ein Bajonett nachts im Mond,  er schneidet  glatt durch die
Gedanken,  er ist nuher und spricht zu diesem  Unbewußten, das  in uns
aufgewacht ist, mit einer  dunklen Bedeutung, "es gibt Kattun" -. Vielleicht
ist  es unser  innerstes  und geheimstes Leben,  das erzittert und sich  zur
Abwehr erhebt.

     Fur  mich  ist  die Front ein unheimlicher Strudel.  Wenn man noch weit
entfernt von  seinem  Zentrum  im  ruhigen Wasser  ist,  fuhlt man schon die
Saugkraft,  die  einen  an  sich  zieht,  langsam,  unentrinnbar,  ohne viel
Widerstand. Aus der Erde, aus  der Luft aber  strumen uns Abwehrkrufte zu, -
am meisten  von  der  Erde.  Fur niemand ist die Erde so  viel  wie fur  den
Soldaten. Wenn er sich an sie preßt, lange, heftig, wenn er  sich tief
mit dem  Gesicht und den  Gliedern in sie hineinwuhlt in  der Todesangst des
Feuers,  dann ist sie  sein  einziger Freund, sein Bruder, seine Mutter,  er
stuhnt   seine  Furcht  und   seine   Schreie  in  ihr  Schweigen  und  ihre
Geborgenheit,  sie nimmt sie auf und  entlußt ihn wieder zu neuen zehn
Sekunden Lauf und Leben, faßt ihn wieder, und manchmal fur immer.
     Erde - Erde - Erde -!
     Erde, mit deinen  Bodenfalten und Luchern und Vertiefungen, in die  man
sich hineinwerfen,  hineinkauern  kann!  Erde,  du gabst uns  im Krampf  des
Grauens, im Aufspritzen der Vernichtung, im Todesbrullen der Explosionen die
ungeheure  Widerwelle  gewonnenen  Lebens!  Der  irre Sturm fast  zerfetzten
Daseins floß im Ruckstrom von dir durch unsre Hunde, so  daß wir
die geretteten in dich  gruben und  im stummen  Angstgluck der uberstandenen
Minute mit unseren Lippen in dich hineinbissen! -
     Wir  schnellen mit einem  Ruck in  einem Teil unseres Seins beim ersten
Druhnen der Granaten um Tausende  von Jahren zuruck. Es ist der Instinkt des
Tieres, der  in  uns erwacht,  der  uns leitet und beschutzt.  Er  ist nicht
bewußt, er ist viel schneller, viel sicherer, viel unfehlbarer als das
Bewußtsein. Man kann es nicht erkluren. Man geht und denkt an nichts -
plutzlich  liegt  man  in einer  Bodenmulde,  und uber  einen  spritzen  die
Splitter  hinweg; - aber  man kann sich  nicht entsinnen, die Granate kommen
gehurt oder den Gedanken  gehabt zu haben, sich  hinzulegen. Hutte man  sich
darauf verlassen sollen, man wure bereits ein Haufen verstreutes Fleisch. Es
ist  das  andere  gewesen, diese  hellsichtige  Witterung  in  uns, die  uns
niedergerissen und gerettet  hat,  ohne daß man weiß,  wie. Wenn
sie nicht wure, gube  es von  Flandern bis zu den Vogesen schon lungst keine
Menschen mehr.
     Wir fahren ab als murrische  oder gutgelaunte Soldaten, - wir kommen in
die Zone, wo die Front beginnt, und sind Menschentiere geworden.

     Ein durftiger  Wald nimmt uns auf. Wir  passieren  die  Gulaschkanonen.
Hinter  dem Walde steigen wir  ab. Die Wagen fahren  zuruck. Sie  sollen uns
morgens vor dem Hellwerden wieder abholen.
     Nebel und  Geschutzrauch stehen in Brusthuhe uber den Wiesen.  Der Mond
scheint  darauf.  Auf  der  Straße  ziehen  Truppen.   Die  Stahlhelme
schimmern mit  matten Reflexen im Mondlicht. Die Kupfe und die Gewehre ragen
aus dem weißen Nebel, nickende Kupfe, schwankende Gewehrluufe.
     Weiter vorn hurt der Nebel  auf. Die Kupfe  werden hier zu Gestalten; -
Rucke, Hosen und Stiefel kommen aus dem Nebel  wie aus einem Milchteich. Sie
formieren sich zur Kolonne. Die Kolonne marschiert, geradeaus, die Gestalten
schließen  sich zu einem Keil, man erkennt  die einzelnen  nicht mehr,
nur ein dunkler Keil schiebt  sich nach vorn, sonderbar  ergunzt  aus den im
Nebelteich  heranschwimmenden Kupfen  und  Gewehren.  Eine Kolonne  -  keine
Menschen.
     Auf einer Querstraße fahren  leichte Geschutze und Munitionswagen
heran. Die Pferde haben glunzende Rucken im Mondschein, ihre Bewegungen sind
schun, sie werfen die  Kupfe, man sieht die Augen blitzen. Die Geschutze und
Wagen  gleiten  vor  dem   verschwimmenden  Hintergrund  der  Mondlandschaft
voruber,  die  Reiter  mit  ihren Stahlhelmen  sehen aus  wie  Ritter  einer
vergangenen Zeit, es ist irgendwie schun und ergreifend.
     Wir streben dem Pionierpark zu. Ein Teil  von uns ladet  sich gebogene,
spitze Eisenstube  auf die  Schultern, der  andere steckt glatte Eisenstucke
durch Drahtrollen und zieht damit ab. Die Lasten sind unbequem und schwer.
     Das  Terrain  wird  zerrissener.   Von  vorn  kommen  Meldungen  durch:
"Achtung, links tiefer Granattrichter" - "Vorsicht, Graben" -
     Unsere Augen sind angespannt, unsere Fuße  und Stucke fuhlen vor,
ehe  sie die Last  des  Kurpers  empfangen. Mit einmal  hult der Zug; -  man
prallt mit dem Gesicht gegen die Drahtrolle des Vordermannes und schimpft.
     Einige zerschossene Wagen  sind im Wege.  Ein neuer Befehl. "Zigaretten
und Pfeifen aus." -Wir sind dicht an den Gruben.
     Es ist inzwischen ganz dunkel  geworden. Wir  umgehen ein Wuldchen  und
haben dann den Frontabschnitt vor uns.
     Eine  Ungewisse, rutliche  Helle steht am Horizont  von einem  Ende zum
andern.  Sie  ist in stundiger  Bewegung,  durchzuckt  vom Mundungsfeuer der
Batterien. Leuchtkugeln steigen daruber  hoch, silberne  und rote Bulle, die
zerplatzen  und in  weißen,  grunen  und  roten Sternen  niederregnen.
Franzusische Raketen schießen auf, die in der Luft einen  Seidenschirm
entfalten und ganz langsam niederschweben. Sie erleuchten alles taghell, bis
zu  uns  dringt ihr Schein, wir  sehen  unsere  Schatten  scharf  am  Boden.
Minutenlang  schweben  sie, ehe  sie ausgebrannt sind.  Sofort  steigen neue
hoch, uberall, und dazwischen wieder die grunen, roten und blauen.
     "Schlamassel", sagt Kat.
     Das  Gewitter der Geschutze  versturkt  sich  zu einem einzigen dumpfen
Druhnen und zerfullt dann wieder in  Gruppeneinschluge. Die trockenen Salven
der Maschinengewehre knarren. uber uns ist die Luft erfullt von unsichtbarem
Jagen, Heulen, Pfeifen und Zischen. Es sind kleinere Geschosse; - dazwischen
orgeln aber  auch die  großen Kohlenkusten,  die ganz schweren Brocken
durch die  Nacht und  landen  weit  hinteruns.  Sie  haben  einen ruhrenden,
heiseren, entfernten  Ruf, wie Hirsche in  der  Brunft, und ziehen hoch uber
dem Geheul und Gepfeife der kleineren Geschosse ihre Bahn.
     Die Scheinwerfer beginnen den schwarzen Himmel abzusuchen. Sie rutschen
daruber hin wie riesige, am Ende  dunner werdende Lineale. Einer steht still
und zittert nur wenig. Sofort ist ein zweiter bei ihm, sie kreuzen sich, ein
schwarzes  Insekt ist zwischen ihnen und versucht zu entkommen: der Flieger.
Er wird unsicher, geblendet und taumelt.

     Wir rammen die Eisenpfuhle in  regelmußigen Abstunden fest. Immer
zwei Mann halten eine Rolle,  die andern spulen den Stacheldraht ab.  Es ist
der ekelhafte  Draht mit  den  dichtstehenden, langen Stacheln.  Ich bin das
Abrollen nicht mehr gewuhnt und reiße mir die Hand auf.
     Nach einigen Stunden sind wir fertig Aber  wir haben noch Zeit, bis die
Lastwagen  kommen.  Die meisten  von uns legen  sich hin  und  schlafen. Ich
versuche es auch.  Doch es  wird zu kuhl.  Man merkt, daß wir nahe  am
Meere sind, man wacht vor Kulte immer wieder auf.
     Einmal  schlafe ich fest. Als  ich plutzlich mit einem Ruck hochfliege,
weiß ich nicht, wo ich bin. Ich sehe die  Sterne, ich sehe die Raketen
und  habe  einen   Augenblick  den  Eindruck,  auf   einem  Fest  im  Garten
eingeschlafen zu sein. Ich  weiß nicht, ob es  Morgen oder Abend  ist,
ich  liege in der bleichen Wiege  der Dummerung und warte  auf weiche Worte,
die kommen  mussen,  weich und geborgen - weine ich? Ich  fasse nach  meinen
Augen, es ist  so wunderlich,  bin ich ein  Kind? Sanfte  Haut;  -  nur eine
Sekunde  wuhrt es,  dann erkenne  ich die Silhouette  Katczinskys. Er  sitzt
ruhig, der alte Soldat, und raucht eine Pfeife, eine Deckelpfeife naturlich.
Als er  bemerkt,  daß  ich wach  bin,  sagt  er  nur: "Du  bist  schun
zusammengefahren. Es war nur ein Zunder, er ist da ins Gebusch gesaust."
     Ich setze mich hoch,  ich  fuhle  mich sonderbar  allein.  Es ist  gut,
daß  Kat  da  ist. Er sieht gedankenvoll  zur Front  und  sagt:  "Ganz
schunes Feuerwerk, wenn's nicht so gefuhrlich wure."
     Hinter uns  schlugt es ein.  Ein paar  Rekruten fahren  erschreckt auf.
Nach ein paar Minuten funkt es wieder heruber,  nuher als vorher. Kat klopft
seine Pfeife aus. "Es gibt Zunder."
     Schon geht es  los. Wir kriechen weg,  so gut es in  der Eile geht. Der
nuchste Schuß sitzt bereits zwischen  uns. Ein paar Leute schreien. Am
Horizont steigen grune Raketen auf. Der  Dreck fliegt hoch, Splitter surren.
Man hurt sie  noch  aufklatschen, wenn der Lurm der Einschluge lungst wieder
verstummt ist.
     Neben uns liegt ein verungstigter  Rekrut,  ein  Flachskopf. Er hat das
Gesicht  in die Hunde gepreßt. Sein Helm ist weggepurzelt.  Ich fische
ihn heran und will ihn auf seinen Schudel stulpen. Er sieht auf, stußt
den Helm fort und kriecht wie ein Kind mit dem Kopf unter  meinen Arm, dicht
an  meine Brust. Die schmalen Schultern zucken. Schultern, wie Kemmerich sie
hatte.
     Ich lasse ihn  gewuhren. Damit  der Helm aber wenigstens zu etwas nutze
ist,  packe  ich ihn auf  seinen Hintern, nicht aus  Bludsinn,  sondern  aus
uberlegung, denn das ist der huchste Fleck. Wenn da zwar auch dickes Fleisch
sitzt,  Schusse  hinein  sind  doch  verflucht  schmerzhaft,  außerdem
muß  man monatelang  im  Lazarett  auf  dem Bauch  liegen und  nachher
ziemlich sicher hinken.
     Irgendwo  hat  es  muchtig eingehauen. Man  hurt Schreien  zwischen den
Einschlugen.
     Endlich wird  es ruhig. Das Feuer ist  uber  uns hinweggefegt und liegt
nun auf den letzten Reservegruben. Wir riskieren einen  Blick.  Rote Raketen
flattern am Himmel. Wahrscheinlich kommt ein Angriff.
     Bei uns bleibt es ruhig. Ich setze mich auf und ruttele den Rekruten an
der Schulter. "Vorbei, Kleiner! Ist noch mal gutgegangen."
     Er sieht  sich  versturt  um.  Ich  rede  ihm  zu:  "Wirst  dich  schon
gewuhnen."
     Er bemerkt  seinen Helm und  setzt  ihn auf. Langsam kommt er zu  sich.
Plutzlich wird er feuerrot und hat ein verlegenes Aussehen. Vorsichtig langt
er  mit der Hand nach hinten und sieht mich gequult an. Ich verstehe sofort:
Kanonenfieber.  Dazu  hatte   ich  ihm  eigentlich  den  Helm  nicht  gerade
dorthingepackt - aber ich truste ihn doch:  "Das ist keine Schande, es haben
schon  ganz  andere Leute als  du nach ihrem  ersten Feueruberfall die Hosen
voll gehabt. Geh hinter den Busch da und schmeiß  deine Unterhose weg.
Erledigt -"

     Er trollt sich. Es wird stiller, doch das Schreien hurt nicht auf. "Was
ist los, Albert?" frage ich.
     "Druben haben ein paar Kolonnen Volltreffer gekriegt."
     Das  Schreien  dauert an. Es sind keine  Menschen, sie  kunnen nicht so
furchtbar schreien.
     Kat sagt: "Verwundete Pferde."
     Ich  habe noch nie Pferde schreien gehurt  und kann es kaum glauben. Es
ist  der  Jammer  der  Welt,  es  ist  die gemarterte  Kreatur, ein  wilder,
grauenvoller Schmerz,  der da stuhnt. Wir sind bleich. Detering richtet sich
auf. "Schinder, Schinder! Schießt sie doch ab!"
     Er ist Landwirt  und mit Pferden vertraut. Es geht  ihm  nahe. Und  als
wure es Absicht, schweigt das Feuer jetzt beinahe. Um so deutlicher wird das
Schreien der  Tiere.  Man  weiß nicht mehr, woher  es  kommt in dieser
jetzt  so stillen,  silbernen  Landschaft,  es ist  unsichtbar, geisterhaft,
uberall,  zwischen  Himmel und  Erde,  es  schwillt  unermeßlich  an -
Detering wird wutend  und brullt: "Erschießt  sie, erschießt sie
doch, verflucht noch mal!"
     "Sie mussen doch erst die Leute holen", sagt Kat.
     Wir  stehen auf  und  suchen, wo die Stelle  ist.  Wenn  man die  Tiere
erblickt, wird es besser auszuhalten sein. Meyer  hat ein Glas bei sich. Wir
sehen  eine  dunkle   Gruppe   Sanituter   mit  Tragbahren   und   schwarze,
grußere  Klumpen, die sich  bewegen. Das  sind die verwundeten Pferde.
Aber  nicht alle.  Einige galoppieren  weiter  entfernt, brechen nieder  und
rennen  weiter. Einem ist  der Bauch aufgerissen,  die  Gedurme  hungen lang
heraus. Es verwickelt sich darin und sturzt, doch es steht wieder auf.
     Detering reißt das Gewehr hoch und zielt.  Kat schlugt es  in die
Luft. "Bist du verruckt -?"
     Detering zittert und wirft sein Gewehr auf die Erde.
     Wir  setzen  uns  hin  und   halten  uns  die  Ohren  zu.  Aber  dieses
entsetzliche  Klagen und  Stuhnen  und  Jammern schlugt  durch,  es  schlugt
uberall durch.
     Wir kunnen alle etwas vertragen. Hier aber bricht uns der Schweiß
aus.  Man  muchte  aufstehen und  fortlaufen,  ganz gleich wohin, nur um das
Schreien nicht mehr zu huren. Dabei sind es doch keine Menschen, sondern nur
Pferde.
     Von  dem  dunklen  Knuuel  lusen sich wieder Tragbahren.  Dann  knallen
einzelne  Schusse.  Die  Klumpen zucken und werden flacher. Endlich! Aber es
ist  noch  nicht zu Ende. Die  Leute kommen  nicht  an die verwundeten Tiere
heran, die in ihrer Angst fluchten,  allen Schmerz in den weit aufgerissenen
Muulern. Eine  der Gestalten  geht  aufs Knie,  ein Schuß -  ein Pferd
bricht nieder, - noch eins.  Das letzte stemmt sich  auf die Vorderbeine und
dreht  sich im  Kreise wie  ein  Karussell,  sitzend dreht es sich  auf  den
hochgestemmten   Vorderbeinen  im  Kreise,  wahrscheinlich  ist  der  Rucken
zerschmettert.  Der Soldat rennt hin und schießt es  nieder.  Langsam,
demutig rutscht es zu Boden.
     Wir nehmen die Hunde von den Ohren. Das Schreien ist verstummt. Nur ein
langgezogener, ersterbender Seufzer hungt noch in der Luft. Dann sind wieder
nur die  Raketen, das Granatensingen und  die Sterne da - und das  ist  fast
sonderbar.
     Detering geht und flucht: "Muchte wissen, was die fur Schuld haben." Er
kommt nachher noch einmal heran. Seine Stimme ist erregt, sie klingt beinahe
feierlich, als er sagt: "Das  sage ich  euch, es  ist die  allergrußte
Gemeinheit, daß Tiere im Krieg sind."

     Wir gehen zuruck. Es ist Zeit, zu unseren Wagen zu gelangen. Der Himmel
ist eine Spur heller geworden. Drei Uhr morgens. Der
     Wind ist frisch und kuhl, die fahle Stunde macht unsere Gesichter
     Wir tappen  uns  vorwurts im Gunsemarsch durch die  Gruben und Trichter
und gelangen wieder in die  Nebelzone. Katczinsky ist unruhig,  das ist  ein
schlechtes Zeichen.
     "Was hast du, Kat?" fragt Kropp.
     "Ich  wollte,  wir  wuren  erst zu Hause."  -  Zu  Hause," er meint die
Baracken.
     "Dauert nicht mehr lange, Kat."
     Er ist nervus.
     "Ich weiß nicht, ich weiß nicht -"
     Wir  kommen in  die Laufgruben und  dann  in  die Wiesen.  Das Wuldchen
taucht auf; wir kennen hier  jeden  Schritt  Boden. Da ist der Jugerfriedhof
schon mit den Hugeln und den schwarzen Kreuzen.
     In diesem Augenblick pfeift  es hinter uns, schwillt, kracht,  donnert.
Wir haben uns gebuckt  - hundert Meter vor uns schießt eine Feuerwolke
empor.
     In der  nuchsten  Minute hebt sich ein Stuck  Wald unter einem  zweiten
Einschlag  langsam uber die  Gipfel, drei, vier Buume segeln mit und brechen
dabei in  Stucke.  Schon zischen  wie  Kesselventile die  folgenden Granaten
heran - scharfes Feuer -
     "Deckung!" brullt jemand - "Deckung!" -
     Die Wiesen sind flach, der Wald ist zu weit und  gefuhrlich; -  es gibt
keine andere  Deckung als den Friedhof und die  Gruberhugel. Wir stolpern im
Dunkel hinein, wie hingespuckt klebt jeder gleich hinter einem Hugel.
     Keinen Moment zu fruh. Das Dunkel wird wahnsinnig.  Es wogt  und  tobt.
Schwurzere  Dunkelheiten als die Nacht rasen mit Riesenbuckeln auf uns  los,
uber  uns  hinweg.  Das Feuer  der  Explosionen  uberflackert  den Friedhof.
Nirgendwo  ist  ein  Ausweg. Ich wage im Aufblitzen der Granaten einen Blick
auf  die  Wiesen.  Sie  sind  ein  aufgewuhltes  Meer, die Stichflammen  der
Geschosse springen  wie Fontunen heraus.  Es  ist ausgeschlossen,  daß
jemand daruber hinwegkommt.
     Der Wald verschwindet,  er  wird  zerstampft, zerfetzt,  zerrissen. Wir
mussen hier auf dem Friedhof bleiben.
     Vor uns birst die Erde. Es regnet  Schollen. Ich spure einen Ruck. Mein
urmel  ist  aufgerissen  durch  einen Splitter. Ich balle  die Faust.  Keine
Schmerzen. Doch das beruhigt mich nicht, Verletzungen schmerzen  stets  erst
sputer.  Ich fahre uber  den Arm. Er ist angekratzt, aber heil. Da knallt es
gegen meinen  Schudel, daß mir das Bewußtsein  verschwimmt.  Ich
habe  den  blitzartigen  Gedanken:  Nicht  ohnmuchtig  werden!, versinke  in
schwarzem Brei und komme sofort wieder  hoch.  Ein Splitter ist gegen meinen
Helm gehauen, er kam so weit her, daß er nicht durchschlug. Ich wische
mir den  Dreck aus den Augen.  Vor mir ist ein Loch aufgerissen, ich erkenne
es undeutlich. Granaten treffen nicht leicht  in denselben Trichter, deshalb
will ich hinein.  Mit einem Satze schnelle ich mich  lang vor, flach wie ein
Fisch  uber den  Boden,  da pfeift es wieder,  rasch  krieche  ich zusammen,
greife  nach  der Deckung,  fuhle links etwas, presse mich daneben,  es gibt
nach, ich stuhne, die Erde  zerreißt, der Luftdruck donnert in  meinen
Ohren, ich krieche unter das Nachgebende, decke es uber mich, es  ist  Holz,
Tuch, Deckung, Deckung, armselige Deckung vor herabschlagenden Splittern.
     Ich uffne die Augen, meine Finger halten einen urmel umklammert,  einen
Arm. Ein Verwundeter? Ich schreie ihm zu, keine  Antwort - ein  Toter. Meine
Hand faßt weiter, in Holzsplitter, da weiß ich wieder, daß
wir auf dem Friedhof liegen.
     Aber  das  Feuer  ist  sturker  als alles  andere.  Es  vernichtet  die
Besinnung, ich  krieche  nur  noch  tiefer  unter  den  Sarg,  er soll  mich
schutzen, und wenn der Tod selber in ihm liegt.
     Vor  mir klafft der Trichter. Ich  fasse  ihn  mit den  Augen  wie  mit
Fuusten, ich muß mit einem  Satz hinein. Da  erhalte ich einen  Schlag
ins Gesicht, eine Hand klammert sich um meine Schulter - ist der Tote wieder
erwacht?  - Die Hand schuttelt mich, ich wende  den  Kopf, in sekundenkurzem
Licht starre ich in das Gesicht Katczinskys,  er hat den Mund weit offen und
brullt, ich hure nichts, er ruttelt mich, nuhert sich; in  einem Moment  des
Abschwellens  erreicht  mich   seine   Stimme:   "Gas  -  Gaaas   -   Gaaas!
-Weitersagen!"
     Ich  reiße  die  Gaskapsel  heran. Etwas entfernt  von mir  liegt
jemand. Ich denke an nichts mehr  als an dies: Der dort muß es wissen:
"Gaaas - Gaaas -!"
     Ich rufe, schiebe mich heran, schlage mit der Kapsel nach ihm, er merkt
nichts  - noch einmal, noch einmal - er duckt sich nur - es ist ein Rekrut -
ich sehe verzweifelt nach Kat, er hat die  Maske vor - ich reiße meine
auch heraus,  der Helm fliegt beiseite,  sie streift sich uber mein Gesicht,
ich erreiche den  Mann, am  nuchsten liegt mir  seine  Kapsel, ich fasse die
Maske, schiebe sie  uber seinen Kopf, er  greift  zu - ich  lasse los -  und
liege plutzlich mit einem Ruck im Trichter.
     Der  dumpfe  Knall  der  Gasgranaten  mischt  sich  in das  Krachen der
Explosivgeschosse.  Eine  Glocke  druhnt  zwischen die  Explosionen,  Gongs,
Metallklappern kunden uberallhin - Gas - Gas - Gaas -
     Hinter mir plumpst  es, einmal, zweimal.  Ich wische  die Augenscheiben
meiner Maske vom Atemdunst sauber. Es  sind Kat, Kropp und noch  jemand. Wir
liegen zu viert in schwerer,  lauernder Anspannung und atmen so schwach  wie
muglich.
     Die ersten  Minuten mit der Maske entscheiden uber  Leben und  Tod: ist
sie dicht? Ich kenne die furchtbaren Bilder aus dem Lazarett: Gaskranke, die
m tagelangem Wurgen die verbrannten Lungen stuckweise auskotzen.
     Vorsichtig,  den  Mund  auf  die  Patrone  gedruckt,  atme  ich.  Jetzt
schleicht der Schwaden  uber  den Boden und sinkt  in alle Vertiefungen. Wie
ein weiches, breites Quallentier legt er  sich  in unseren  Trichter, rukelt
sich hinein. Ich stoße Kat an: es ist besser herauszukriechen und oben
zu liegen,  als hier, wo das  Gas sich  am  meisten sammelt. Doch wir kommen
nicht dazu, ein zweiter Feuerhagel beginnt. Es ist, als  ob nicht  mehr  die
Geschosse brullen; es ist, als ob die Erde selbst tobt.
     Mit  einem Krach  saust etwas  Schwarzes  zu uns  herab. Hart neben uns
schlugt es ein, ein hochgeschleuderter Sarg.
     Ich sehe Kat sich bewegen und krieche hinuber. Der Sarg ist dem vierten
in  unserem Loch auf den ausgestreckten  Arm geschlagen. Der Mann  versucht,
mit der andern Hand  die Gasmaske abzureißen. Kropp greift rechtzeitig
zu, biegt ihm die Hand hart auf den Rucken und hult sie fest.
     Kat  und  ich gehen  daran,  den verwundeten  Arm  frei  zu machen. Der
Sargdeckel ist lose und geborsten, wir kunnen ihn leicht abreißen, den
Toten  werfen  wir  hinaus,  er sackt nach  unten,  dann versuchen  wir, den
unteren Teil zu lockern.
     Zum Gluck wird der  Mann bewußtlos,  und Albert kann  uns helfen.
Wir  brauchen nun  nicht  mehr  so  behutsam zu sein und arbeiten,  was  wir
kunnen, bis der Sarg mit einem Seufzer nachgibt unter dem daruntergesteckten
Spaten.
     Es ist heller geworden. Kat nimmt ein  Stuck des Deckels, legt es unter
den zerschmetterten  Arm, und wir binden alle unsere Verbandspuckchen darum.
Mehr kunnen wir im Moment nicht tun.
     Mein Kopf brummt  und druhnt in der Gasmaske, er  ist nahe am  Platzen.
Die  Lungen  sind  angestrengt,   sie  haben  nur   immer  wieder  denselben
heißen, verbrauchten Atem,  die Schlufenadern schwellen, man glaubt zu
ersticken -
     Graues  Licht sickert zu uns herein. Wind fegt  uber den  Friedhof. Ich
schiebe mich uber den Rand des Trichters. In der schmutzigen Dummerung liegt
vor mir ein ausgerissenes Bein, der  Stiefel ist vollkommen  heil, ich  sehe
das alles  ganz deutlich  im Augenblick. Aber jetzt erhebt sich wenige Meter
weiter  jemand,  ich  putze  die  Fenster, sie beschlagen mir vor  Aufregung
sofort wieder, ich starre hinuber - der Mann dort trugt keine Gasmaske mehr.
     Noch Sekunden warte ich  - er  bricht nicht zusammen, er blickt suchend
umher und macht einige Schritte - der Wind  hat das Gas zerstreut,  die Luft
ist frei - da zerre ich ruchelnd ebenfalls die Maske weg und  falle hin, wie
kaltes Wasser strumt die Luft  in mich hinein, die Augen wollen brechen, die
Welle uberschwemmt mich und luscht mich dunkel aus.

     Die  Einschluge haben aufgehurt. Ich  drehe mich zum Trichter und winke
den  andern. Sie klettern  herauf und reißen sich die Masken herunter.
Wir umfassen  den  Verwundeten,  einer  nimmt  seinen  geschienten  Arm.  So
stolpern wir hastig davon.
     Der Friedhof  ist ein  Trummerfeld. Surge und Leichen liegen verstreut.
Sie  sind noch  einmal  getutet  worden; aber jeder von ihnen,  der zerfetzt
wurde, hat einen von uns gerettet.
     Der   Zaun  ist  verwustet,  die  Schienen  der  Feldbahn  druben  sind
aufgerissen, sie starren hochgebogen in die Luft. Vor uns liegt jemand.  Wir
halten an, nur Kropp geht mit dem Verwundeten weiter.
     Der am Boden ist ein Rekrut. Seine Hufte ist blutverschmiert; er ist so
erschupft, daß ich nach meiner  Feldflasche greife, in der ich Rum mit
Tee habe. Kat hult meine Hand zuruck und beugt sich uber ihn: "Wo hat's dich
erwischt, Kamerad?"
     Er bewegt die Augen; er ist zu schwach zum Antworten.
     Wir  schneiden vorsichtig  die Hose auf.  Er stuhnt.  "Ruhig, ruhig, es
wird ja besser -"
     Wenn er einen  Bauchschuß  hat, darf  er nichts trinken.  Er  hat
nichts erbrochen, das  ist gunstig. Wir legen die Hufte bloß. Sie  ist
ein  einziger  Fleischbrei mit Knochensplittern. Das  Gelenk  ist getroffen.
Dieser Junge wird nie mehr gehen kunnen.
     Ich wische ihm  mit dem  befeuchteten Finger  uber die Schlufe und gebe
ihm einen  Schluck. In  seine Augen  kommt Bewegung.  Jetzt erst sehen  wir,
daß auch der rechte Arm blutet.
     Kat zerfasert zwei Verbandspuckchen so breit wie muglich, damit sie die
Wunde decken. Ich suche nach Stoff,  um ihn lose daruberzuwickeln. Wir haben
nichts mehr,  deshalb schlitze ich dem Verwundeten das Hosenbein weiter auf,
um ein Stuck seiner Unterhose als Binde zu verwenden.  Aber  er trugt keine.
Ich sehe ihn genauer an: es ist der Flachskopf von vorhin.
     Kat hat  inzwischen  aus den Taschen eines Toten  noch Puckchen geholt,
die wir vorsichtig  an die Wunde  schieben.  Ich  sage  dem  Jungen, der uns
unverwandt ansieht: "Wir holen jetzt eine Bahre."
     Da uffnet er den Mund und flustert: "Hierbleiben -"
     Kat sagt: "Wir kommen ja gleich wieder. Wir holen fur dich eine Bahre."
     Man kann  nicht erkennen, ob er verstanden hat; er wimmert wie ein Kind
hinter uns her: "Nicht weggehen -"
     Kat  sieht sich  um und flustert:  "Sollte  man da nicht einfach  einen
Revolver nehmen, damit es aufhurt?"
     Der Junge  wird den  Transport  kaum uberstehen, und huchstens  kann es
noch einige Tage  mit ihm dauern. Alles  bisher  aber wird nichts sein gegen
diese Zeit, bis er stirbt. Jetzt ist  er noch  betuubt  und fuhlt nichts. In
einer  Stunde  wird er  ein  kreischendes  Bundel  unertruglicher  Schmerzen
werden.  Die Tage, die er noch  leben kann, bedeuten  fur  ihn  eine einzige
rasende Qual. Und wem nutzt es, ob er sie noch hat oder nicht -
     Ich nicke. "Ja, Kat, man sollte einen Revolver nehmen."
     " Gib her", sagt er  und  bleibt stehen.  Er ist entschlossen, ich sehe
es. Wir  blicken  uns um, aber wir  sind  nicht mehr allein. Vor uns sammelt
sich  ein Huuflein,  aus den Trichtern und Grubern kommen  Kupfe.  Wir holen
eine Bahre.
     Kat schuttelt  den Kopf. "  So junge  Kerle" -  Er  wiederholt  es: "So
junge, unschuldige Kerle -"

     Unsere Verluste sind  geringer, als anzunehmen war: funf Tote und  acht
Verwundete.  Es war nur  ein  kurzer  Feueruberfall. Zwei von  unseren Toten
liegen  in  einem der  aufgerissenen  Gruber; wir  brauchen  sie  bloß
zuzubuddeln.
     Wir gehen zuruck. Schweigend trotten wir im  Gunsemarsch hintereinander
her.  Die  Verwundeten  werden zur Sanitutsstation gebracht. Der Morgen  ist
trube,  die  Krankenwurter laufen mit Nummern und  Zetteln,  die  Verletzten
wimmern. Es beginnt zu regnen.
     Nach einer Stunde haben wir unsere Wagen  erreicht und klettern hinauf.
Jetzt ist mehr Platz als vorher da.
     Der  Regen wird sturker.  Wir breiten Zeltbahnen aus und legen sie  auf
unsere Kupfe. Das Wasser trommelt darauf nieder. An den Seiten fließen
die Regenstruhnen  ab. Die Wagen platschen durch die  Lucher, und wir wiegen
uns im Halbschlaf hin und her.
     Zwei Mann vorn im  Wagen  haben  lange gegabelte  Stucke bei sich.  Sie
achten  auf  die Telefondruhte,  die quer uber die Straße  hungen,  so
tief, daß  sie  unsere Kupfe wegreißen kunnen. Die beiden  Leute
fangen sie mit  ihren  gegabelten Stucken auf und heben sie uber uns hinweg.
Wir huren ihren Ruf: "Achtung - Draht", und  im Halbschlaf gehen  wir in die
Kniebeuge und richten uns wieder auf.
     Monoton  pendeln die Wagen,  monoton sind  die Rufe, monoton rinnt  der
Regen. Er rinnt auf unsere Kupfe  und auf die  Kupfe der Toten vorn, auf den
Kurper des kleinen Rekruten mit der Wunde, die viel zu groß fur  seine
Hufte ist, er rinnt auf das Grab Kemmerichs, er rinnt auf unsere Herzen.
     Ein Einschlag hallt irgendwo. Wir zucken  auf, die Augen sind gespannt,
die  Hunde wieder  bereit,  um die Kurper uber die  Wunde  des Wagens in den
Straßengraben zu werfen.
     Es kommt nichts weiter. - Monoton nur die Rufe: "Achtung - Draht" - wir
gehen in die Knie, wir sind wieder im Halbschlaf.



     Es ist beschwerlich, die einzelne Laus zu tuten, wenn man Hunderte hat.
Die Tiere sind etwas hart,  und das ewige Knipsen mit den Fingernugeln  wird
langweilig. Tjaden hat deshalb den Deckel einer Schuhputzschachtel mit Draht
uber einem brennenden Kerzenstumpf  befestigt. In diese kleine Pfanne werden
die Luuse einfach hineingeworfen - es knackt, und sie sind erledigt.
     Wir sitzen rundherum, die Hemden auf den Knien, den Oberkurper nackt in
der warmen Luft, die Hunde bei der Arbeit. Haie hat eine besonders feine Art
von  Luusen:  sie haben ein rotes Kreuz auf dem  Kopf. Deshalb behauptet er,
sie  aus dem Lazarett inThourhout mitgebracht zu  haben, sie seien von einem
Oberstabsarzt persunlich.  Er will auch das sich langsam in  dem Blechdeckel
ansammelnde Fett zum Stiefelschmieren benutzen und brullte eine halbe Stunde
lang vor Lachen uber seinen Witz.
     Doch heute hat er wenig Erfolg; etwas anderes beschuftigt uns zu sehr.
     Das Gerucht ist Wahrheit geworden. Himmelstoß ist da. Gestern ist
er erschienen, wir haben seine wohlbekannte Stimme schon gehurt. Er soll  zu
Hause ein paar junge  Rekruten zu  kruftig im  Sturzacker gehabt haben. Ohne
daß er es wußte,  war der Sohn des Regierungsprusidenten  dabei.
Das brach ihm das Genick.
     Hier   wird  er  sich  wundern.  Tjaden  erurtert  seit   Stunden  alle
Muglichkeiten,  wie  er  ihm  antworten will. Haie  sieht nachdenklich seine
große  Flosse  an  und  kneift mir  ein  Auge.  Die  Prugelei  war der
Huhepunkt  seines Daseins;  er  hat mir erzuhlt,  daß er noch manchmal
davon truumt.

     Kropp  und  Muller  unterhalten  sich.  Kropp   hat  als  einziger  ein
Kochgeschirr  voll  Linsen erbeutet, wahrscheinlich  bei  der  Pionierkuche.
Muller schielt gierig hin, beherrscht sich aber und fragt: ,.....
     "Albert, was wurdest du tun, wenn jetzt mit einemmal Frieden wure?"
     "Frieden gibt's nicht!" uußert Albert kurz.
     "Na, aber wenn -", beharrt Muller, "was wurdest du machen?"
     "Abhauen!" knurrt Kropp.
     "Das ist klar. Und dann?"
     "Mich besaufen", sagt Albert.
     "Rede keinen Quatsch, ich meine es ernst -"
     "Ich auch", sagt Albert, "was soll man denn anders machen."
     Kat interessiert sich fur die Frage. Er fordert von Kropp seinen Tribut
an den Linsen, erhult ihn, uberlegt dann lange  und meint: "Besaufen  kunnte
man  sich  ja, sonst aber auf  die nuchste Eisenbahn  - und ab nach Muttern.
Mensch, Frieden, Albert -"
     Er kramt in seiner Wachstuchbrieftasche nach einer Fotografie und zeigt
sie stolz herum. "Meine Alte!" Dann packt er sie weg und flucht: "Verdammter
Lausekrieg -"
     "Du  kannst  gut reden",  sage ich. "Du hast  deinen  Jungen und  deine
Frau."
     "Stimmt", nickt er, "ich muß  dafur  sorgen, daß sie was zu
essen haben."
     Wir  lachen.  "Daran wird's  nicht fehlen,  Kat, sonst  requierierst du
eben."
     Muller ist hungrig und gibt sich noch nicht zufrieden. Er schreckt Haie
Westhus aus seinen Verprugeltruumen. "Haie, was wurdest du denn machen, wenn
jetzt Frieden wure?"
     "Er mußte dir den  Arsch vollhauen,  weil du hier  von  so  etwas
uberhaupt anfungst", sage ich, "wie kommt das eigentlich?"
     "Wie kommt Kuhscheiße aufs  Dach?" antwortet Muller lakonisch und
wendet sich wieder an Haie Westhus. Es ist zu schwer auf einmal fur Haie. Er
wiegt seinen sommersprossigen  Schudel:  "Du  meinst,  wenn kein Krieg  mehr
ist?"
     "Richtig. Du merkst auch alles."
     "Dann kumen doch wieder Weiber, nicht?" - Haie leckt sich das Maul.
     "Das auch."
     "Meine Fresse noch mal", sagt Haie, und  sein Gesicht  taut auf, " dann
wurde  ich  mir  so  einen  strammen  Feger  schnappen, so  einen  richtigen
Kuchendragoner, weißt du, mit ordentlich was dran zum Festhalten,  und
sofort  nichts  wie  'rin  in  die  Betten!  Stell  dir  mal  vor,  richtige
Federbetten  mit Sprungmatratzen, Kinners, acht Tage lang  wurde  ich  keine
Hose wieder anziehen."
     Alles schweigt. Das Bild ist  zu wunderbar. Schauer laufen uns uber die
Haut. Endlich ermannt sich Muller und fragt: "Und danach?"
     Pause. Dann erklurt Haie etwas verzwickt: "Wenn ich Unteroffizier wure,
wurde ich erst noch bei den Preußen bleiben und kapitulieren."
     "Haie, du hast glatt einen Vogel", sage ich.
     Er fragt gemutlich zuruck: "Hast du schon mal Torf gestochen? Probier's
mal."
     Damit zieht er  seinen Luffel aus dem Stiefelschaft  und langt damit in
Alberts Eßnapf.
     "Schlimmer als  Schanzen  in der  Champagne  kann's  auch nicht  sein",
erwiderte ich.
     Haie kaut und grinst: "Dauert  aber  lunger.  Kannst  dich  auch  nicht
drucken."
     "Aber, Mensch, zu Hause ist es doch besser, Haie."
     "Teils, teils", sagt er und versinkt mit offenem Munde in Grubelei.
     Man kann auf  seinen  Zugen  lesen,  was  er denkt.  Da  ist  eine arme
Moorkate, da ist schwere Arbeit in der Hitze der Heide vom fruhen Morgen bis
zum Abend, da ist spurlicher Lohn, da ist ein schmutziger Knechtsanzug --
     "Hast beim Kommiß in Frieden keine Sorgen", teilt er  mit, "jeden
Tag  ist  dein Futter da, sonst machst  du Krach,  hast dein Bett, alle acht
Tage reine Wusche wie ein Kavalier, machst deinen Unteroffiziersdienst, hast
dein schunes  Zeug; -  abends  bist  du  ein freier  Mann und gehst  in  die
Kneipe."
     Haie ist außerordentlich stolz  auf seine Idee. Er  verliebt sich
darin.  "Und  wenn  du  deine  zwulf  Jahre  um  hast,  kriegst  du   deinen
Versorgungsschein   und  wirst  Landjuger.  Den   ganzen   Tag   kannst   du
Spazierengehen."
     Er schwitzt jetzt vor Zukunft.  "  Stell dir vor, wie du dann traktiert
wirst. Hier einen Kognak, da  einen  halben Liter.  Mit einem Landjuger will
doch jeder gutstehen."
     "Du  wirst ja nie Unteroffizier, Haie", wirft Kat ein. Haie  blickt ihn
betroffen an und schweigt.  In  seinen  Gedanken sind jetzt wohl die  klaren
Abende  im  Herbst,  die  Sonntage   in  der  Heide,  die  Dorfglocken,  die
Nachmittage  und Nuchte  mit den  Mugden, die Buchweizenpfannkuchen mit  den
großen Speckaugen, die sorglos verschwatzten Stunden im Krug -
     Mit soviel Phantasie  kann er  so  rasch  nicht  fertig werden; deshalb
knurrt er nur erbost: "Was ihr immer fur Bludsinn zusammenfragt."
     Er streift sein Hemd uber den Kopf und knupft den Waffenrock zu.
     "Was wurdest du machen, Tjaden?" ruft Kropp.
     Tjaden kennt nur eins. "Aufpassen, daß mir Himmelstoß nicht
durchgeht."
     Er muchte  ihn wahrscheinlich  am liebsten in einen Kufig  sperren  und
jeden Morgen mit einem Knuppel uber ihn herfallen. Zu Kropp schwurmt er:
     "An deiner Stelle wurde ich sehen, daß ich  Leutnant wurde.  Dann
kannst du ihn schleifen, daß ihm das Wasser im Hintern kocht."
     "Und  du,  Detering?"  forscht  Muller  weiter.  Er  ist  der  geborene
Schulmeister mit seiner Fragerei.
     Detering ist wortkarg. Aber auf dieses Thema gibt  er Antwort. Er sieht
in  die  Luft und sagt nur  einen Satz: "Ich  wurde  gerade  noch  zur Ernte
zurechtkommen." Damit steht er auf und geht weg.
     Er  macht  sich Sorgen.  Seine  Frau muß  den Hof bewirtschaften.
Dabei  haben sie  ihm  noch  zwei  Pferde weggeholt.  Jeden Tag liest er die
Zeitungen, die kommen,  ob  es  in  seiner oldenburgischen  Ecke auch  nicht
regnet. Sie bringen das Heu sonst nicht fort.
     In  diesem Augenblick erscheint  Himmelstoß. Er kommt direkt  auf
unsere  Gruppe zu. Tjadens  Gesicht wird fleckig.  Er legt sich lungelang ms
Gras und schließt die Augen vor Aufregung.
     Himmelstoß  ist etwas unschlussig, sein Gang wird langsamer. Dann
marschiert  er  dennoch  zu uns heran. Niemand macht Miene, sich zu erheben.
Kropp sieht ihm interessiert entgegen.
     Er steht jetzt vor uns und wartet.  Da keiner etwas sagt, lußt er
ein "Na?" vom Stapel.
     Ein  paar Sekunden verstreichen;  Himmelstoß weiß sichtlich
nicht, wie er  sich benehmen soll. Am liebsten muchte er uns jetzt im Galopp
schleifen. Immerhin  scheint er schon gelernt zu haben, daß  die Front
kein Kasernenhof ist. Er versucht es abermals  und wendet sich nicht mehr an
alle, sondern an einen, er hofft, so leichter Antwort zu erhalten. Kropp ist
ihm am nuchsten. Ihn beehrt er deshalb. "Na, auch hier?"
     Aber Albert ist sein  Freund nicht.  Er antwortet knapp: "Bißchen
lunger als Sie, denke ich."
     Der  rutliche  Schnurrbart zittert. "Ihr  kennt  mich wohl  nicht mehr,
was?"
     Tjaden schlugt jetzt die Augen auf. "Doch."
     Himmelstoß wendet sich ihm zu: "Das ist doch Tjaden, nicht?"
     Tjaden hebt den Kopf.
     "Und weißt du, was du bist?"
     Himmelstoß  ist verblufft.  "Seit wann duzen  wir uns  denn?  Wir
haben doch nicht zusammen im Chausseegraben gelegen."
     Er weiß absolut nichts aus der Situation zu machen. Diese  offene
Feindseligkeit  hat er nicht erwartet. Aber er hutet  sich vorluufig; sicher
hat ihm jemand den Unsinn von Schussen in den Rucken vorgeschwatzt.
     Tjaden wird auf die Frage nach dem Chausseegraben vor Wut sogar witzig.
     "Nee, das warst du alleme."
     Jetzt kocht Himmelstoß auch. Tjaden kommt ihm jedoch eilig zuvor.
Er muß  seinen Spruch loswerden. "Was  du  bist, willst du wissen?  Du
bist ein Sauhund, das bist du! Das  wollt' ich dir schon  lange  mal sagen."
Die Genugtuung vieler Monate leuchtet ihm aus den blanken Schweinsaugen, als
er den Sauhund hinausschmettert.
     Auch Himmelstoß ist nun entfesselt: "Was willst du  Mistkuter, du
dreckiger  Torfdeubel?   Stehen   Sie   auf,  Knochen  zusammen,   wenn  ein
Vorgesetzter mit Ihnen spricht!"
     Tjaden winkt  großartig.  "Sie  kunnen ruhren,  Himmelstoß.
Wegtreten."
     Himmelstoß ist ein tobendes Exerzierreglement. Der  Kaiser kunnte
nicht beleidigter sein.  Er heult: "Tjaden,  ich  befehle  Ihnen dienstlich:
Stehen Sie auf!"
     "Sonst noch was?" fragt Tjaden.
     "Wollen Sie meinem Befehl Folge leisten oder nicht?"
     Tjaden erwidert gelassen und abschließend, ohne es zu wissen, mit
dem bekanntesten Klassikerzitat. Gleichzeitig luftet er seine Kehrseite.
     Himmelstoß sturmt davon: " Sie kommen vors Kriegsgericht!"
     Wir sehen ihn in der Richtung zur Schreibstube verschwinden.
     Haie und Tjaden sind ein gewaltiges  Torfstechergebrull. Haie lacht so,
daß  er  sich  die  Kinnlade ausrenkt  und mit  offenem Maul plutzlich
hilflos dasteht. Albert muß sie ihm mit einem Faustschlag erst  wieder
einsetzen.
     Kat ist besorgt. "Wenn er dich meldet, wird's buse."
     "Meinst du, daß er es tut?" fragt Tjaden.
     "Bestimmt", sage ich.
     "Das mindeste, was du kriegst, sind funf Tage Dicken", erklurt Kat.
     Das erschuttert Tjaden nicht. "Funf Tage Kahn sind funf Tage Ruhe."
     "Und wenn du auf Festung kommst?" forscht der grundlichere Muller.
     "Dann ist der Krieg fur mich so lange aus."
     Tjaden ist ein Sonntagskind. Fur ihn gibt es keine Sorgen. Mit Haie und
Leer zieht er ab, damit man ihn nicht in der ersten Aufregung findet.

     Muller ist noch  immer nicht zu  Ende. Er nimmt sich  wieder Kropp vor.
"Albert, wenn du nun tatsuchlich nach Hause kumst, was wurdest du machen?"
     Kropp ist jetzt satt und  deshalb nachgiebiger. "Wieviel Mann wuren wir
dann eigentlich in der Klasse?"
     Wir rechnen:  von zwanzig sind sieben tot, vier verwundet, einer in der
Irrenanstalt. Es kumen huchstens also zwulf Mann zusammen.
     "Drei  sind davon Leutnants", sagt  Muller. "Glaubst  du, daß sie
sich von Kantorek anschnauzen ließen?"
     "Wir glauben es nicht;  wir  wurden  uns  auch nicht  mehr  anschnauzen
lassen."
     "Was hultst du eigentlich von der dreifachen Handlung im Wilhelm Teil?"
erinnert sich Kropp mit einem Male und brullt vor Lachen.
     "Was waren  die Ziele  des  Guttinger Hainbundes?" forscht auch  Muller
plutzlich sehr streng.
     "Wieviel Kinder hatte Karl der Kuhne?" erwidere ich ruhig.
     "Aus Ihnen wird im Leben nichts, Buumer", quukt Muller.
     "Wann war die Schlacht bei Zama?" will Kropp wissen.
     "Ihnen fehlt  der sittliche Ernst, Kropp,  setzen  Sie sich, drei minus
-", winke ich ab.
     "Welche Aufgaben hielt Lykurgus fur die wichtigsten im Staate?" wispert
Muller und scheint an einem Kneifer zu rucken.
     "Heißt es: Wir Deutsche furchten Gott, sonst niemand in der Welt,
oder wir Deutschen ...?" gebe ich zu bedenken.
     "Wieviel Einwohner hat Melbourne ?" zwitschert Muller zuruck.
     "Wie wollen  Sie  bloß im  Leben bestehen,  wenn  Sie  das  nicht
wissen?" frage ich Albert empurt.
     "Was versteht man unter Kohusion?" trumpft der nun auf.
     Von  dem  ganzen Kram wissen wir nicht mehr allzuviel. Er hat  uns auch
nichts genutzt. Aber niemand hat uns in der Schule beigebracht,  wie man bei
Regen und Sturm eine Zigarette anzundet, wie man ein Feuer  aus  nassem Holz
machen  kann  -  oder  daß  man ein Bajonett  am besten  in  den Bauch
stußt, weil es da nicht festklemmt wie bei den Rippen.
     Muller sagt nachdenklich: "Was nutzt es. Wir werden doch wieder auf die
Schulbank mussen."
     Ich halte es fur ausgeschlossen. "Vielleicht machen wir ein Notexamen."
     "Dazu  brauchst du  Vorbereitung.  Und wenn  du  es schon bestehst, was
dann? Student sein ist nicht viel besser. Wenn du kein Geld hast, mußt
du auch buffeln."
     "Etwas besser ist es. Aber Quatsch bleibt es  trotzdem,  was sie dir da
eintrichtern."
     Kropp trifft unsere Stimmung:
     "Wie kann  man das ernst nehmen,  wenn man  hier  draußen gewesen
ist."
     "Aber du mußt doch  einen  Beruf  haben", wendet Muller  ein, als
wure er Kantorek in Person.
     Albert reinigt sich  die Nugel  mit dem Messer. Wir sind  erstaunt uber
dieses Stutzertum. Aber es  ist nur Nachdenklichkeit. Er schiebt das  Messer
weg und erklurt: "Das ist es ja.  Kat und Detering und Haie werden wieder in
ihren  Beruf gehen, weil sie ihn schon vorher gehabt haben. Himmelstoß
auch. Wir haben keinen gehabt. Wie sollen wir uns da  nach diesem hier" - er
macht eine Bewegung zur Front - "an einen gewuhnen."
     "Man  mußte Rentier  sein und  dann  ganz allein  in  einem Walde
wohnen  kunnen  -",   sage  ich,  schume   mich  aber   sofort  uber  diesen
Grußenwahn.
     "Was soll das bloß werden, wenn wir  zuruckkommen?" meint Muller,
und selbst er ist betroffen.
     Kropp zuckt die Achseln. "Ich weiß nicht. Erst mal da sein,  dann
wird sich's ja zeigen."
     Wir  sind eigentlich  alle ratlos. "Was kunnte man  denn machen?" frage
ich.
     "Ich  habe zu nichts Lust", antwortet  Kropp mude. "Eines Tages bist du
doch tot, was hast du  da schon?  Ich glaube nicht, daß wir  uberhaupt
zuruckkommen."
     "Wenn  ich daruber nachdenke, Albert", sage ich  nach  einer Weile  und
wulze  mich auf den  Rucken, "so muchte ich, wenn ich  das Wort Friede hure,
und es wure wirklich so, irgend etwas Unausdenkbares tun,  so steigt  es mir
zu  Kopf.  Etwas,  weißt  du,  was  wert  ist, daß  man  hier im
Schlamassel gelegen hat. Ich  kann mir bloß nichts vorstellen. Was ich
an  Muglichem sehe, diesen ganzen Betrieb mit Beruf  und Studium und  Gehalt
und so weiter -  das kotzt mich an, denn das  war ja  immer schon da und ist
widerlich. Ich finde nichts - ich finde nichts, Albert."
     Mit einemmal scheint mir alles aussichtslos und verzweifelt.
     Kropp denkt ebenfalls daruber nach. Es wird uberhaupt schwer werden mit
uns allen. Ob die sich in der Heimat eigentlich nicht manchmal Sorgen machen
deswegen? Zwei  Jahre Schießen  und  Handgranaten - das  kann man doch
nicht ausziehen wie einen Strumpf nachher -"
     Wir stimmen darin  uberein, daß es jedem uhnlich geht; nicht  nur
uns hier; uberall, jedem, der in  der gleichen Lage ist, dem einen mehr, dem
andern weniger. Es ist das gemeinsame Schicksal unserer Generation.
     Albert spricht es aus. "Der Krieg hat uns fur alles verdorben."
     Er hat recht.  Wir sind keine  Jugend  mehr. Wir  wollen die Welt nicht
mehr sturmen.  Wir sind Fluchtende. Wir fluchten vor uns. Vor unserem Leben.
Wir waren achtzehn Jahre und begannen die Welt und das Dasein zu lieben; wir
mußten darauf schießen. Die erste Granate,  die  einschlug, traf
in  unser  Herz.  Wir  sind  abgeschlossen vom  Tutigen,  vom  Streben,  vom
Fortschritt. Wir glauben nicht mehr daran; wir glauben an den Krieg.

     Die Schreibstube wird  lebendig. Himmelstoß scheint sie alarmiert
zu  haben.  An der Spitze der  Kolonne trabt  der  dicke Feldwebel. Komisch,
daß fast alle etatsmußigen Feldwebel dick sind.
     Ihm folgt der rachedurstende Himmelstoß. Seine Stiefel glunzen in
der Sonne.
     Wir erheben uns. Der Spieß schnauft:
     "Wo ist Tjaden?"
     Naturlich weiß es keiner. Himmelstoß glitzert uns buse an.
     "Bestimmt wißt ihr es. Wollt es bloß nicht  sagen. Raus mit
der Sprache."
     Der  Spieß  sieht  sich  suchend  um;  Tjaden  ist  nirgendwo  zu
erblicken. Er versucht es andersherum. "In zehn Minuten soll Tjaden sich
     auf der Schreibstube melden." Damit zieht er davon, Himmelstoß in
seinem Kielwasser.
     "Ich  habe  das  Gefuhl, daß  mir  beim  nuchsten  Schanzen  eine
Drahtrolle auf die Beine von Himmelstoß fallen wird", vermutet Kropp.
     "Wir werden an ihm  noch viel Spaß  haben", lacht Muller. Das ist
nun unser Ehrgeiz: einem Brieftruger die Meinung stoßen. -
     Ich  gehe  in  die  Baracke   und   sage  Tjaden  Bescheid,  damit   er
verschwindet.  Dann wechseln  wir  unsern Platz und  lagern uns  wieder,  um
Karten  zu spielen. Denn das  kunnen wir: Kartenspielen,  fluchen und  Krieg
fuhren. Nicht viel fur zwanzig Jahre - zuviel fur zwanzig Jahre.
     Nach einer  halben Stunde ist Himmelstoß erneut bei  uns. Niemand
beachtet ihn. Er fragt nach Tjaden. Wir zucken die Achseln.
     "Ihr solltet ihn doch suchen", beharrt er.
     "Wieso ihr?" erkundigt sich Kropp.
     "Na, ihr hier -"
     "Ich muchte Sie bitten, uns nicht zu duzen", sagt Kropp wie ein Oberst.
     Himmelstoß fullt aus den Wolken. "Wer duzt euch denn?"
     "Sie!"
     "Ich?"
     "Ja."
     Es arbeitet  in ihm.  Er  schielt Kropp mißtrauisch an,  weil  er
keine Ahnung hat, was der meint.  Immerhin traut er  sich in  diesem  Punkte
nicht ganz und kommt uns entgegen. "Habt ihr ihn nicht gefunden?"
     Kropp  legt  sich  ins  Gras  und  sagt:  "Waren  Sie  schon  mal  hier
draußen?"
     "Das geht Sie gar nichts an",  bestimmt Himmelstoß. "Ich verlange
Antwort."
     "Gemacht", erwidert Kropp und erhebt  sich. "Sehen Sie mal dorthin,  wo
die kleinen Wulkchen stehen. Das sind die Geschosse der Flaks. Da waren  wir
gestern. Funf Tote, acht Verwundete .Dabei war es eigentlich ein Spaß.
Wenn  Sie  nuchstens  mit 'rausgehen, werden  die  Mannschaften,  bevor  sie
sterben, erst vor Sie hintreten, die Knochen zusammenreißen und zackig
fragen: Bitte wegtreten zu durfen! Bitte abkratzen zu durfen! Auf  Leute wie
Sie haben wir hier gerade gewartet."
     Er setzt sich wieder, und Himmelstoß verschwindet wie ein Komet.
     "Drei Tage Arrest", vermutet Kat.
     "Das nuchstemal lege ich los", sage ich zu Albert.
     Aber  es  ist  Schluß.  Dafur  findet  abends  beim  Appell  eine
Vernehmung statt. In  der  Schreibstube  sitzt  unser Leutnant Bertinck  und
lußt einen nach dem andern rufen.
     Ich  muß ebenfalls als Zeuge erscheinen  und  klure  auf, weshalb
Tjaden   rebelliert   hat.   Die   Bettnussergeschichte    macht   Eindruck.
Himmelstoß wird herangeholt und ich wiederhole meine Aussagen.
     "Stimmt das?" fragt Bertinck Himmelstoß.
     Der windet  sich und muß es  schließlich zugeben, als Kropp
die gleichen Angaben macht.
     "Weshalb hat denn niemand das damals gemeldet?" fragt Bertinck.
     Wir schweigen;  er  muß  doch selbst wissen, was  eine Beschwerde
uber  solche Kleinigkeiten  beim Kommiß  fur Zweck  hat. Gibt es  beim
Kommiß  uberhaupt  Beschwerden ? Er  sieht  es wohl  ein  und  kanzelt
Himmelstoß zunuchst ab, indem  er ihm noch einmal energisch klarmacht,
daß  die  Front  kein  Kasernenhof  sei.  Dann  kommt  in  versturktem
Maße Tjaden an die Reihe, der eine ausgewachsene Predigt und drei Tage
Mittelarrest erhult. Kropp  diktiert  er  mit  einem Augenzwinkern einen Tag
Arrest.
     "Geht nicht anders",  sagt erbedauernd zu ihm. Er ist ein  vernunftiger
Kerl.
     Mittelarrest   ist  angenehm.  Das   Arrestlokal   ist   ein   fruherer
Huhnerstall; da  kunnen  beide  Besuch  empfangen, wir  verstehen uns  schon
darauf,  hinzukommen. Dicker Arrest wure  Keller gewesen.  Fruher wurden wir
auch an einen Baum gebunden,  doch  das ist jetzt verboten. Manchmal  werden
wir schon wie Menschen beh